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CONTRA: GEDENKTAG FÜR VERTREIBUNGSOPFERGastkommentar
Christian Bommarius
Ein Weltproblem

Die Frage ist nicht: Bedarf es eines nationalen Gedenktages für die Opfer von Vertreibung? Die Frage ist: Bedarf es eines nationalen Gedenktages für die Opfer von Vertreibung, wenn es zwei Gedenktage für die Opfer von Vertreibung bereits gibt - einen offiziellen und einen inoffiziellen? In der Charta der deutschen Heimatvertriebenen vom August 1950 heißt es, ihr Schicksal sei wie das Schicksal aller Flüchtlinge "ein Weltproblem". Das ist wahr. Die Befürworter eines "nationalen" Gedenktages behaupten, die Erinnerung an die Vertreibung habe für die Bundesrepublik nicht nur "gedenkenden Charakter", sondern sei zugleich Mahnung "für Verantwortung und Versöhnung gegenüber allen Generationen und Menschen, insbesondere über Grenzen". Auch das ist richtig.

Weil das alles wahr und richtig ist, weil die Vertreibung der Deutschen nur verstanden wird, wenn sie als "Weltproblem" begriffen wird, darf ihrer nicht an einem "nationalen", sondern muss ihrer am internationalen Flüchtlingstag gedacht werden. Seit zehn Jahren wird er am 20. Juni als Weltflüchtlingstag begangen, aber ausgerufen wurde er 1914 von Papst Benedikt XV. als "Welttag der Migranten und Flüchtlinge". Die Erfahrung der Entwurzelung ist keine deutsche Erfahrung, die Vertreibung kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, sondern millionenfaches und häufig tödliches Schicksal der Gegenwart. Daran erinnert der inoffizielle Gedenktag, der "Tag der Fürbitte und des Gedenkens an die Toten an den Grenzen der Europäischen Union", der seit vergangenem Jahr ebenfalls am 20. Juni auf Initiative der Konferenz Europäischer Kirchen begangen wird. An Gedenktagen fehlt es nicht, nur an den Konsequenzen des Gedenkens.l

Aus Politik und Zeitgeschichte

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