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PRO: GEDENKTAG FÜR VERTREIBUNGSOPFERGastkommentar
Sven Felix Kellerhoff
Richtig und überfällig

Ungeheueres Leid hat die Menschheit im 20. Jahrhundert getroffen; die Europäer vom Atlantik bis zum Ural vor allem zwischen 1914 und 1945. Viel von diesem Leid hatte seinen Ausgangspunkt in Deutschland. Deshalb ist es richtig und angemessen, dass die Bundesrepublik am 27. Januar jedes Jahres den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus würdig begeht.

Doch glaubhaft trauern um die Toten anderer Völker kann nur, wer auch der unschuldigen Opfer des eigenen Volkes gedenkt. Dazu zählen die Frauen, Kinder und Greise, die direkt oder indirekt infolge des Zweiten Weltkrieges ums Leben kamen, auch wenn diese Aggression von Deutschland ausging.

Es ist richtig und überfällig, der deutschen Opfer der Vertreibung würdig zu gedenken. Sie sind die zahlenmäßig größte Gruppe von unschuldigen deutschen Toten, selbst wenn bis heute niemand eine auch nur halbwegs genaue Zahl angeben kann. Ihr Schicksal darf nicht als "Strafe" für die vielen Millionen Morde verbucht werden, die in deutschem Namen verübt wurden.

Niemand muss fürchten, dass durch solches Gedenken eine Relativierung der deutschen Verbrechen an Bürgern der Sowjetunion, Polens, Jugoslawiens und all der anderen Völker Platz griffe oder gar Opferkonkurrenz provoziert würde. Im Tod des einzelnen unschuldigen Menschen ist kein Platz für Abstufungen. Wer dieses Gebot der Menschlichkeit ernst nimmt, wird die Initiative begrüßen, einen nationalen Gedenktag für die Opfer von Vertreibung einzurichten. Zumal eben nicht nur Deutsche im 20. Jahrhundert gezwungenermaßen ihre Heimat aufgeben mussten und dabei zu Tode kamen. An das Schicksal all dieser Opfer wäre zu erinnern.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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