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Parlamentarisches Profil
Audrey Parmentier
Die Engagierte: Kerstin Müller

Der nördlichste Zipfel Afrikas ist gut 2000 Kilometer Luftlinie entfernt, aber für Kerstin Müller in ihrem Berliner Büro ist er doch ganz nah. "Afrika hat mich seit meinem ersten Besuch dort nicht mehr losgelassen", sagt die außenpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen. Ein Rundblick durch das geräumige Arbeitszimmer, leise Zweifel: Nichts deutet auf ihre Leidenschaft hin - keine Plakate oder Bilder. Ein schmuckloses, sachliches Büro mit Blick auf den Berliner Boulevard Unter den Linden. Auch sonst wirkt alles sehr sachlich, effektiv und organisiert. Kerstin Müller, mittelgroß, mit langen braunen Haaren, hält ihre Afrika-Akten die ganze Zeit in der Hand.

Sie wird nicht einmal darin blättern. Afrika ist ihr Lieblingsthema. Eigentlich müsste sich die 48-Jährige auf eine anstrengende Klausur am nächsten Tag vorbereiten, aber wenn es darum geht, ihre Erlebnisse in Afrika detailgenau zu schildern, findet sich auch Zeit. Ihr erster Kontakt mit dem südlichen Nachbarn Europas ist noch gar nicht lange her. 2003 reiste die damalige Staatsministerin im Auswärtigen Amt in die Region der Großen Seen und in den Kongo. "Das Herz der Finsternis", sagt sie und zitiert dabei den Schriftsteller Joseph Conrad, der in seinem gleichnamigen Roman von 1899, über die damaligen Zustände in der belgischen Kolonie schrieb.

"Vieles war natürlich sehr traurig auf dieser Reise", sagt die Juristin. Sie spricht über die Armut der Bevölkerung, die Menschenrechtsverletzungen und den Raubbau an Natur und Bodenschätzen. Dann leuchten ihre Augen auf: "Aber die Leute dort, die waren so unglaublich offen - für Ideen und Gespräche!"

Von Köln in den Kongo: Im Rheinland begann die Karriere der Grünen-Politikerin. In Köln hat sie Rechtswissenschaft studiert und beide juristische Staatsexamen abgelegt. Es ist auch der Ort einer weiteren Leidenschaft: der Karneval - ein "Muss" in ihrem Jahresplan. 1986 kam sie zu den Grünen, und zwar von links: Davor war sie für die trotzkistische Gruppe Internationaler Marxisten aktiv. 1990 ging dann alles ganz schnell: Zunächst Sprecherin der Grünen mit 24, wurde sie ein Jahr später Vorsitzende des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen und zog 1994 über die Landesliste NRW in den Bundestag ein.

Nach der Bundestagswahl 2002 wurde Müller Staatsministerin im Auswärtigen Amt und das Afrika-Abenteuer begann. Es war oft bitter: Ende 2003 war sie im Sudan, als der Darfur-Konflikt ausbrach: Sie nahm an den Verhandlungen zwischen Süd- und Nordsudan teil. "Ich war die erste europäische Außenpolitikerin an der Grenze zum Tschad." Sie sah Tausende von sudanesischen Flüchtlingen. Diese hatten ihre Heimat aus Angst vor den Angriffen der arabischen Dschandschawid-Reitermilizen verlassen.

Vom Tschad aus fuhr Müller direkt zum Sicherheitsrat der Vereinten Nationen - nach New York, wo Deutschland einen nicht-ständigen Sitz hatte, und berichtete von den ethnischen Vertreibungen. "Ich wollte nur eines", sagt Kerstin Müller, "erreichen, dass die UN diese Morde stoppt". Bis die UN-Mission UNAMID ihre Arbeit aufnahm, war es für viele zu spät: Vielleicht 400.000 Tote, Millionen Vertriebene, Tausende Frauen vergewaltigt, die Dörfer verbrannt.

Warum das Interesse ausgerechnet an diesem Kontinent? Krieg, Katastrophen, Armut und Aids. Aber das ist nicht Kerstin Müllers Bild. "Jetzt haben wir wieder viel über die Krisen geredet", stellt sie fest, "aber es passiert auch viel Positives!" Mit dem Unterausschuss für zivile Krisenprävention, dem sie vorsitzt, war sie gerade in Sierra Leone unterwegs. Das Land hat einen der fürchterlichsten Bürgerkriege Afrikas erlebt und jetzt ist es "zwar sehr arm, aber absolut friedlich dort".

"Oder Botswana - das hat es geschafft, zu den größten Schwellenländern auf dem Kontinent zu gehören" sagt Kerstin Müller, "da könnte ich mir sogar vorstellen, Urlaub zu machen." Sie stockt, scheint sich selbst über ihre eigenen Idee zu wundern, es sich als Touristin in Afrika gut gehen zu lassen. Dann schüttelt sie ernst den Kopf: "Ich hätte doch meine Skrupel, dazu weiß ich zu viel über das Leben in Afrika."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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