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Tina Gerhäusser
Jurist Boby hilft die Konvention für Binnenflüchtlinge nichts

MIGRATION 13 Millionen Afrikaner ziehen innerhalb des Kontinents umher. Viele suchen Arbeit in den reichen Ölnationen

Eben hat er noch lässig an der Ladentür gelehnt: klein, sehnig, mit durchdringenden dunkelbraunen Augen, denen nichts entgeht. Jetzt nimmt Boby in paar Scheine entgegen und verschwindet im Ladendickicht des Marktes. Er soll für einen Kunden einen DVD-Player besorgen. Vor einem Fernseher macht er Halt: Bilder von Tunesiern, die auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa eintreffen. Boby ärgert sich: "Es ist gerade so leicht, nach Europa zu kommen." Aber der 29-jährige Malier hatte sich für die andere Richtung entschieden, für ein Dorado innerhalb der Afrikanischen Union. Er ist nach Bata in Äquatorial-Guinea ausgewandert.

Der Küstenstaat am Atlantik gilt dank seiner Erdölvorkommen als eines der reichsten Länder des Kontinents. Selbst Botengänge auf dem Markt bringen in Äquatorial-Guinea zehnmal soviel wie in Mali, meint Boby. Im Moment hat Boby aber nicht einmal genug Geld um seine Mutter und die kleine vierjährige Tochter zu unterstützen. Er schlägt sich als Laufbursche in Bata durch. Trotz Aufenthaltsgenehmigung, muss er Tritte und Stockschläge fürchten - Fremdenhass und Polizeischikane, die Schattenseite des zentralafrikanischen Landes, das seit 1979 von Teodoro Obiang Nguema Mbasogo regiert wird.

Hilfe für Migranten

Obiang ist jetzt auch Präsident der Afrikanischen Union (AU), die sich auf die Fahnen geschrieben hat, Arbeitsmigranten und Binnenvertriebene zu unterstützen. So sollen Opfer von Bürgerkriegen und Naturkatastrophen durch die "Konvention zu Schutz und Hilfe von Binnenvertriebenen in Afrika" menschenwürdig behandelt werden; Armut und Arbeitslosigkeit werden als Ursachen für Vertreibung und Flucht anerkannt und sollen bekämpft werden. Allerdings ist die als historischer Fortschritt gefeierte Kampala-Konvention von 2009 bisher nur von fünf der mehr als 50 AU-Mitgliedsländern ratifiziert worden, Äquatorial-Guinea und Mali haben nur unterzeichnet. Beim nächsten AU-Gipfel im Juni in Äquatorial-Guinea wollen die Staats- und Regierungschefs über neue Perspektiven und bessere Chance für die vielen jungen Afrikaner auf Jobsuche beraten. Boby konnte das alles noch nicht helfen: nicht in Bata und nicht in Bamako.

Dort, in der fast 4.000 Kilometer entfernten malischen Hauptstadt, sind Bobys Hoffnungen immer wieder zerschellt. Gut ausgebildet, mit abgeschlossenem Jurastudium, spricht Boby Englisch, Französisch, Spanisch und diverse afrikanische Sprachen. Damit bewirbt er sich: als Richter, Bankangestellter, Radio-Reporter, Flugbegleiter - sogar der GTZ hat Boby seine Mappe geschickt. Doch er findet nur bei einem Onkel Arbeit: als Verkäufer verbringt Boby die Tage zwischen Kleidern aus Polyester.

Das ist die Zeit, in der er anfängt, über das Auswandern nachzudenken. Er steigt im September 2008 mit rund 190 Euro, Personalausweis, Handy und ein paar Kleidern in den Bus. An Spanien und Italien habe er zwar gedacht, sagt Boby, aber er entscheidet sich für Äquatorial-Guinea. Die Reise erscheint Boby "billiger und sicherer". Zweidrittel der Migranten südlich der Sahara bleiben auf dem Kontinent, ihre Zahl lässt sich nur schätzen - die UN gehen von mindestens 13 Millionen aus.

Teufelskreis der Auswanderer

Bobys Reise dauert mehr als zwei Monate. Er sieht Herbergen, in denen sich die Auswanderer "stapeln müssen", obwohl sie viel Geld an Schleuser und Polizisten zahlen. Er hungert, er lügt, er jobbt, er verführt, um durchzukommen. Mit Glück überlebt er den Beschuss der Piroge auf dem illegalen Stück der Reise zwischen Kamerun und Äquatorial-Guinea. In Bata geht er an Land, um sich "etwas aufzubauen". Eine Baufirma will ihn in der Personalverwaltung beschäftigen mit einem Monatsgehalt von etwa 2.000 Euro. Ihm fehlt nur das Geld für eine Aufenthaltsbescheinigung. Als Boby die Summe beisammen hat, ist der Job weg. Er wird wieder Verkäufer. Im Sommer 2010 hat er rund 6500 Euro gespart - genug für ein "gutes, eigenständiges Leben" zuhause in Bamako, hofft er. Er ist stolz und reist - fast wie ein Geschäftsmann - im Flugzeug nach Mali. Dort steckt er ein Drittel seines Vermögens in das Auswahlverfahren für Polizeikommissare - und scheitert. "Nichts hat sich in Mali verändert", sagt Boby verbittert und fährt zurück nach Bata. Es ist der bitterste Moment in seinem Leben. Ihm bleibt nur, wieder aufzubrechen: Zum zweiten Mal geht Boby nach Bata, fängt nochmal bei Null an - als Laufbursche, der für andere DVD-Player besorgt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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