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Tatjana Heid
Freund und Feind des freien Wortes

MEDIEN Zwischen liberal und repressiv, omnipräsent und nicht vorhanden: Pressefreiheit und Zugang zu Informationen sind in Afrika unterschiedlich ausgeprägt

Nairobi und die Presse. Beides ist untrennbar miteinander verbunden. In den Straßen der Innenstadt reiht sich ein Zeitungsverkäufer an den nächsten, sie bieten Tageszeitungen an, Wochenzeitungen, Zeitschriften. Wer vorbeigeht, bleibt stehen, blättert, kauft eine Zeitung oder legt sie wieder weg. Zeitungen sind teuer. Deswegen werden sie verliehen, bis zur Zerfledderung gelesen, miteinander geteilt - im Bus, in Bibliotheken und im Wartezimmer beim Arzt.

So sehr Presserzeugnisse Nairobi auch prägen mögen, so wenig ist das in ländlichen Gebieten der Fall. Die Situation in Kenia ist exemplarisch für viele afrikanische Staaten: Die Medienlandschaft unterscheidet sich stark zwischen Stadt und Land. Zeitungen sind lediglich Städte konzentriert, auch Fernsehen ist nicht überall zu empfangen. Das reichweitenstärkste Medium ist das Radio. In Kenia etwa werden mehr als 90 Prozent der Bevölkerung durch den Hörfunk erreicht. "Radio hat die größte Durchdringung, ist am verfügbarsten und hat keine Analphabetenhürde", sagt Markus Brauckmann, Leiter des Medienprogramms Sub-Sahara-Afrika der Konrad-Adenauer-Stiftung in Johannesburg. Jedoch sei das Fernsehen am wirkungsmächtigsten, weil es die stärksten Emotionen hervorrufe. Das wissen auch die Regierungen. Folge: In weiten Teilen Afrikas wird das Fernsehen staatlich kontrolliert; ein Problem für die Pressefreiheit.

Verfall und Hoffnung

Die Pressefreiheit auf dem afrikanischen Kontinent hat sich im vergangenen Jahr verschlechtert. In der von der international tätigen Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen (ROG) im vergangenen Oktober veröffentlichten internationalen Rangliste zur Pressefreiheit belegt Eritrea - wie schon 2009 - den letzten Platz. Der Sudan und Ruanda sind in die Gruppe der zehn repressivsten Länder der Welt gerutscht.

Eritrea habe absolut keine private Presse, erklärt Ambroise Pierre von ROG in Frankreich. Die vorhandenen Medien werden allesamt vom Ministry of Information kontrolliert. "Einen solchen Mangel an unabhängigen Medien gibt es nur in ganz wenigen Ländern", sagt Pierre. Ein weiteres Problem in Eritrea ist die große Zahl inhaftierter Journalisten. Derzeit sitzen 41 Journalisten in afrikanischen Gefängnissen - davon allein 29 in Eritrea. So viele wie sonst nur in China und im Iran.

Kaum vorhandene Pressefreiheit stellt sich in Afrika meist ähnlich dar: wenig unabhängige Medien, wenig Respekt vor Redefreiheit, Repressionen und Gewalt gegen Journalisten. Beispiel Ruanda: Hier wurden im Zuge der Präsidentschaftswahlen im August zwei Zeitungen eingestellt. Im Juni kam ein Journalist ums Leben. "Für Ruanda haben wir wenig Hoffnung", sagt Pierre.

Andere Länder geben dagegen Anlass für Hoffnung. Namibia zum Beispiel, wie im Vorjahr das afrikanische Land mit der ausgeprägtesten Pressefreiheit. Auf der ROG-Liste liegt es auf Platz 21, nur vier Plätze hinter Deutschland. In Namibia werden "alle Aspekte von Pressefreiheit" respektiert, wie Pierre sagt. Es gibt dort eine große Medienvielfalt, außerdem unabhängige Medien. Journalisten können ihrer Arbeit ohne Gefahr nachgehen. Auch Kenia hat sich nach den Repressalien im Zuge der Präsidentschaftswahl 2007 erholt und kletterte von Platz 96 im Jahr 2009 auf Platz 70.

»Den Desktop überspringen«

Dennoch bleibt die Situation in vielen Ländern schwierig. Eine umso wichtigere Rolle kann das Internet einnehmen - aktuell etwa bei den Aufständen in Nordafrika. Das Internet habe die Revolution in Ägypten und Tunesien nicht allein möglich gemacht, aber entscheidend dazu beigetragen, sagt Markus Brauckmann. Es ermögliche den schnelleren und leichteren Zugang zu Informationen, auch zu solchen, die vorher nicht zugänglich gewesen seien, es erleichtere zudem Austausch und Partizipation. Allerdings nur in den Ländern, die die technischen Möglichkeiten haben. In Eritrea etwa spielt das Internet keine große Rolle. "Eine schnelle Entwicklung ist nicht sehr wahrscheinlich", sagt Ambroise Pierre. Das Internet dort sei zu langsam, zu teuer und habe in der Gesellschaft wenig Einfluss.

Noch ist das Internet ein Medium der Eliten, das jedoch - mit regionalen Unterschieden - zunehmend seinen Weg in untere Schichten findet. Nahezu jeder in Afrika habe ein Handy, sagt Brauckmann, immer mehr gingen auch mobil online. "Es ist, als werde der Desktop einfach übersprungen." Auch wenn die Medienlandschaft in Afrika nicht westlichen Standards entspreche: Vieles ist in Bewegung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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