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Mathias Bölinger
Mit Hilfe moderner Marktstrukturen erobern die Chinesen einen neuen Kontinent

Handel Rund eine Million Menschen aus der Volksrepublik leben und arbeiten bereits in Afrika. Experten bezweifeln, ob die Länder von ihren Aktivitäten wirklich profitieren

Herr Zheng schüttelt den Kopf. "Nein, hier ist es nicht gut", sagt er. "Die Geschäfte laufen nicht." In seinem Laden stapeln sich Jeans und Cargohosen, wie sie in Asien beliebt sind. Daneben Hemden, T-Shirts, Blusen und Röcke. Im Laden nebenan das gleiche, und im übernächsten auch. Die Geschäfte auf der Kamuzu Procession Road in Lilongwe, der Hauptstadt Malawis, sind vollgestopft mit billigen Textilien aus China. In fast allen sitzen chinesische Besitzer gelangweilt zwischen den Kleidern oder räumen geschäftig Kartons hin und her. Unten am Fluss steht ein neues Einkaufszentrum: "Shanghai-Center" steht daran, gleich nebenan der Supermarkt "Wulian".

Die Chinesen sind angekommen in Lilongwe, der Hauptstadt Malawis. Das kleine Binnenland war eines der letzten in Afrika, das diplomatische Beziehungen zur Volksrepublik aufnahm. Jahrzehntelang unterhielt das strikt prowestliche Malawi offizielle Beziehungen zu Taiwan. Zuletzt gab es außer Malawi auf dem Kontinent nur noch vier Länder, die keine Beziehungen zur Volksrepublik unterhielten. "Die Chinesen haben angedeutet, dass sie nicht ewig warten werden", sagt ein westlicher Diplomat. "Da hat Malawi die Gelegenheit ergriffen." Ende 2007 nahm die Regierung Beziehungen zur Volksrepublik auf und beendete die offiziellen Verbindungen mit Taiwan. Seitdem hat China dem Land ein neues Parlamentsgebäude geschenkt und baute eine lang ersehnte Straße in den entlegenen Norden Malawis. Gerade entsteht ein neues Fünf-Sterne-Hotel in der Hauptstadt - geplant und gebaut von chinesischen Firmen. Dem Heimatdistrikt von Präsident Bingu wa Mutharika will China auch eine Schule schenken und einen Technologiecampus bauen. Der Präsident, bei westlichen Gebern gerade wegen des Kaufs eines mehrere hundert Millionen Euro teuren Regierungsjets in der Kritik, ist zufrieden mit seinen neuen Partnern. "Geberländer sollten keine erdrückenden Bedingungen stellen", ließ er seine alten Partner im Westen wissen.

»Angola-Schock«

"Angola-Schock" nennen westliche Entwicklungshelfer dieses Phänomen. 2005 hatte Angola mit dem Internationalen Währungsfonds einen Großkredit für den Wiederaufbau des vom Bürgerkrieg zerstörten Landes ausgehandelt. Die Zusage war an zahlreiche Bedingungen geknüpft: Transparenz, demokratische Reformen. Die angolanische Regierung lehnte dankend ab, denn inzwischen hatte China dem ölreichen Land einen Kredit in gleicher Höhe angeboten - ohne Auflagen. China kenne wenig Skrupel, wenn es darum gehe, sich Öl- und Mineralressourcen zu sichern, so die einhellige Ansicht im Westen. Chinas Rohstoffhunger könne "mittelfristig Auswirkungen für deutsche und europäische Unternehmen beim Zugang zu Rohstoffbezugsquellen haben", warnte die Bundesregierung in einer Unterrichtung des Bundestages zu ihrer Rohstoffstrategie (17/3399). Dass Afrika von den neuen Handelspartnern wirklich profitiert, bezweifeln viele Experten. "Die Afrikaner werden sich noch wundern", prophezeit der westliche Diplomat. Und nennt das Beispiel Kongo. Dort hat China neun Milliarden Dollar in Bergbau und Infrastruktur investiert. Als Gegenleistung sicherte es sich den Gewinn aus dem Verkauf von Millionen Tonnen Kupfer und Kobalt - geschätzter Wert: 50 Milliarden Dollar. China ziehe die afrikanischen Länder regelrecht über den Tisch, sagt der Diplomat.

Kleinhändler im Schlepptau

Herr Zheng ist nicht wegen der Rohstoffe nach Afrika gekommen - Malawi hat keine. Seit einem Jahr betreibt er seinen Laden in Lilongwe. Kaum hatte die Volksrepublik ihre diplomatischen Vertreter entsandt, kamen auch schon die ersten Bautrupps, um neue Gebäude und Straßen zu bauen. Chinesische Firmen bringen immer einen Teil ihrer Arbeiter selbst mit. Mit ihnen kommen dann Imbissbudenbesitzer und Kleinhändler. Herr Zheng hat zuletzt drei Jahre in Südafrika gelebt und Handel getrieben, bevor er nach Malawi kam. Nun stöhnt er: "Die Regierung hier unterstützt uns Händler nicht." Die Bürokratie, die Importe und Steuern, überall werde ihm das Geschäft erschwert. Auf dem Index der Weltbank, der die Unternehmerfreundlichkeit von Ländern misst, findet sich Malawi im letzten Drittel wieder. Dabei schneidet es mit Platz 133 gar nicht so schlecht ab. Unter den 50 Staaten, die noch schlechter eingestuft werden, liegen 31 südlich der Sahara.

Gefährliche Konkurrenz

Chinas Glücksritter schreckt das nicht ab. Nach Schätzungen lebt bereits eine Million Chinesen auf dem afrikanischen Kontinent. In vielen Ländern Afrikas sei die Konkurrenz aus China zu einem echten Problem für die Händler geworden, sagt Dirk Betke. Der Sinologe betreut in Mali Projekte für die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Dortige Geschäftsleute erwarteten hohe Gewinnmargen, auch weil sie Teile ihrer Einnahmen weitergeben: an korrupte Zollbeamte, Politiker, bedürftige Angehörige des Familienclans. "Die Chinesen können Waren viel billiger anbieten, weil sie nicht diese Klientelketten bedienen müssen", sagt Betke. Und so führten die chinesischen Händler vielerorts etwa Entscheidendes ein, um das sich Entwicklungshelfer schon lange bemühen: moderne Marktstrukturen. In Lilongwe möchte Herr Zheng nicht mehr darauf warten, dass der Kapitalismus chinesischer Prägung den Weg nach Malawi findet. Er hat genug. "Wenn ich das hier alles verkauft habe, dann gehe ich zurück", sagt er. "China ist einfach viel weiter entwickelt."

Der Autor arbeitet als freier Journalist unter anderem für Deutsche Welle Radio.

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