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Sibylle Ahlers
Geraubte Jugend

Familien Arbeit, Hunger, Schmutz, Krankheiten und Gewalt - das harte Leben vieler Jungen und Mädchen

In dem zauberhaften Film "Babies" zeigt der französische Regisseur Thomas Balmès alltägliche Erlebnisse aus dem ersten Lebensjahr der kleinen Ponijao in Namibia. Das kleine Mädchen vom Stamm der Himba wächst behütetet auf. Es schmust mit den Eltern, streitet mit seinem Bruder, spielt, lacht und weint. Auch die anderen Kinder im Dorf wirken fröhlich und gut genährt. An solche Bilder denkt man selten, wenn von Kindern in Afrika die Rede ist. Doch auch auf dem Nachbarkontinent gibt es verzogene Prinzen und Prinzessinnen, streng oder unerzogene Kinder sowie Töchter und Söhne einer wachsenden Mittelschicht, die mit der Schule kämpfen und sonst ihre Freizeit genießen dürfen. Aber sie haben auch viele Altersgenossen, die jeden Tag um ihr Überleben kämpfen. Diese gehen zur Arbeit und nicht in die Schule, kümmern sich um kleinere Geschwister, kämpfen als Soldaten und liegen nachts oft hungrig im Bett.

Die Themen Frauen und Kinder in Afrika beschäftigen die Abgeordneten des Deutschen Bundestages meist, wenn es sich um traurige Schicksale, lebensgefährliche Missstände oder altmodische Traditionen handelt, die man bekämpfen will. In den Drucksachen geht es beispielsweise um Kinder- und Müttersterblichkeit (17/2135, 17/3474), Kinderhandel (14/2705), Genitalverstümmelung (17/1135), das Menschenrecht auf sauberes Wasser (17/2332) oder Kindersoldaten (16/7633). Bei all diesen Themen wird deutlich, dass Millionen Familien in Afrika ein für europäische Verhältnisse unvorstellbar hartes Leben führen. Im Jahr 2000 wurden die UN-Millenniumsziele von 189 Staaten beschlossen. Sie sehen bis 2015 unter anderem eine Halbierung der Armut, die Reduzierung der Kindersterblichkeit, eine Grundschulausbildung für alle Kinder und verbesserte Zugänge zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen vor. Afrika hat bei der Bewältigung dieser Pläne noch sehr viel zu tun.

Alltag in Armut

Arbeit, Hunger, unvorstellbarer Schmutz, Krankheiten und Gewalt gehören dort für viele Kinder zum Alltag. Oft endet für kleine Afrikaner das Leben bereits kurz nachdem es begonnen hat. Laut Unicef findet sich die weltweit höchste Kindersterblichkeitsrate in Afrika südlich der Sahara, wo eines von acht Kindern seinen fünften Geburtstag nicht erlebt. Während der Kampf gegen die Kindersterblichkeit in vielen Ländern der Welt Erfolge verzeichnen konnte, vermeldeten die Vereinten Nationen im Jahr 2010 in ihrem Bericht über die Fortschritte beim Erreichen der Millenniumsziele für Afrika sogar einen Anstieg der bitteren Zahlen. Rund vier Millionen Kinder sterben schätzungsweise pro Jahr. Betroffen sind vor allem die Länder Kamerun, die Zentralafrikanische Republik, der Tschad, Kongo, Kenia und Sambia. Diese Zahlen sind vor allem auch deshalb tragisch, weil mehr als zwei Drittel der Todesfälle von meist vermeidbaren oder heilbaren Infektionskrankheiten verursacht werden: An der Spitze stehen Lungenentzündungen (18 Prozent), Durchfall (15 Prozent) und Malaria (acht Prozent). Oft ist eine Mangelernährung Schuld am frühen Tod von Kindern.

In vielen Teilen der Welt ist außerdem sauberes Trinkwasser ein Luxusgut: Laut Unicef haben in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara lediglich 58 Prozent der Menschen Zugang zu trinkbarem Wasser und nicht einmal 36 Prozent Zugang zu einfachen Latrinen. So kommt es zu Infektionen und Durchfall, denen die geschwächten Kleinkinder nichts entgegensetzen können. Trotz Verbesserungen im Gesundheitswesen mehrerer afrikanischer Staaten ist auch die Müttersterblichkeit inakzeptabel hoch. "Jede Frau, die im Kindbett stirbt, ist eine zu viel", lautet das Fazit von Elhadj As Sy, Unicef-Regionaldirektor für das östliche und südliche Afrika. Doch was in Europa ein tragischer Einzelfall ist, ist in Afrika Alltag: Jedes Jahr werden in Afrika rund 30 Millionen Frauen schwanger - 125.000 Frauen und 870.000 Neugeborene sterben innerhalb der ersten Woche nach der Geburt. Viele der Todesfälle könnten vermieden werden: Infektionen durch mangelhafte hygienische Verhältnisse, Komplikationen bei Geburten zu Hause ohne Arzt oder Hebamme sowie unterernährte, geschwächte Mütter, die den Strapazen einer schwierigen Geburt nicht gewachsen sind. Einige Staaten haben nach Unicef-Angaben große Fortschritte erzielt, wie beispielsweise Malawi und Sierra Leone, wo kostenlose Gesundheitsversorgung für Schwangere und Kleinkinder eingeführt wurden. Aber es gebe fast überall in den ländlichen Regionen nicht genügend medizinisches Personal, viele Frauen hätten nur traditionelle Geburtshelferinnen, die bei Komplikationen überfordert seien.

Bräute und Soldaten

Manche werdenen Mütter sind auch einfach noch viel zu jung. Töchter werden in sehr armen Familien oft als Last und Menschen zweiter Klasse gesehen. Man versucht sie möglichst schnell - meist als Teenager, aber in Einzelfällen sogar schon mit 10, 11 Jahren - in die "Obhut" eines Ehemanns zu geben. Im Niger werden nach Schätzungen von Hilfsorganisationen 77 Prozent der Frauen bereits als Minderjährige verheiratet. Dort erwartet viele eine Hölle unverständlichen Ausmaßes. Der Schulbesuch wird verboten, dafür müssen sie im Haushalt hart arbeiten. Die kleinen Mädchen werden oft verprügelt, misshandelt und missbraucht. So gaben bei einer Studie in Ägypten rund ein Drittel der befragten Kinderbräute an, von ihren Ehemännern geschlagen zu werden. Die kindlichen Bräute stehen zusätzlich unter Druck, möglichst bald ihre Fruchtbarkeit unter Beweis zu stellen. Dabei ist die Risiko für ein Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren, bei einer Schwangerschaft zu sterben, fünf mal größer als für eine erwachsene Frau.

Doch langsam erkennen auch einige dieser Kinder, dass sie Rechte haben. So ging die Geschichte der neunjährigen Nojoud Ali, Tochter eines arbeitslosen Analphabeten aus Jemen, um die Welt. Das mutige Mädchen ging allein ins Gerichtsgebäude und wartete, bie ein mitleidiger Richter fragte, was sie denn wolle. "Ich bin gekommen, weil ich eine Scheidung will", antwortete Nojoud tapfer. Ihr Ehemann war über 30 Jahre älter als sie, unfreundlich und brutal. Der Richter übergab sie einer engagierten Anwältin und die Dinge nahmen ihren Lauf in die richtige Richtung. Zum ersten Mal gelang es einer Kinderbraut im Jemen, sich vor Gericht eine Scheidung zu erkämpfen. "Nojouds Klage war so etwas wie ein Weckruf für das gesamte Land", sagt Shada Nasser, die Anwältin der kleinen Heldin. Ermutigt von ihrer Geschichte, wehren sich nun immer mehr Mädchen gegen die Tradition. Auch soll ein Gesetz die Verheiratung ganz jungen Mädchen im Jemen verbieten, aber dagegen wehren sich noch die konseervativen Kreise des Landes.

Auch ein weiteres Problem für Minderjährige in Afrika wird langsam angegangen. Die sechs Länder Tschad, Sudan, Zentralafrikanische Republik, Niger, Nigeria und Kamerun haben den Missbrauch von Kindern als Soldaten verboten. Auf einer Regionalkonferenz im Tschad unterzeichneten Vertreter der sechs Staaten eine "Erklärung von N'Djamena", in der sie sich dazu verpflichten, jeder Form der Einbeziehung von Kindern in Armeen oder bewaffneten Gruppen ein Ende zu bereiten. Nach UN-Schätzungen gibt es weltweit rund 300.000 Kindersoldaten. Im Tschad, im Sudan und in der Zentralafrikanischen Republik wird ihre Zahl auf 15.000 bis 20.000 geschätzt. Sie werden entführt, verschleppt oder geraten im allgemeinen Chaos in die Hände von Offizieren, die sich um sie "kümmern". Viele Aids-Waisen und Flüchtlingskinder - auch acht-, neunjährige - werden aus Einsamkeit zu Rekruten. Hungrige Jungen und Mädchen folgen jedem, der ihnen hilft. Die Mädchen müssen dann in den Rebellenlagern oft noch auf eine andere Art und Weise "Dienst tun".

Arbeit statt Schule

In Afrika ist der Schulbesuch oft ein Luxus, den sich viele Familien nicht leisten können. Man braucht das Einkommen oder zumindest die Mithilfe der Kinder. Sie schuften als Tagelöhner, in Fabriken, Bergwerken oder Geschäften. Manche helfen als schlecht bezahlte Dienstboten in wohlhabenden Haushalten oder gehen auf Geheiß von Verwandten betteln. Dieses Los teilen Mädchen und Jungen, aber wenn das Geld knapp für etwas Bildung in der Familie reicht, dürfen meist die Jungen zur Schule gehen. Dabei sind gebildete Frauen für die Entwicklung eines Landes sehr wichtig. In seinem Vorwort zum Unicef-Bericht zur Situation der Kinder in der Welt 2007 konstatierte der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan: "Wenn Frauen gesund sind, gebildet und frei, die Chancen zu nutzen, die ihnen das Leben gewährt, dann geht es nicht nur den Kindern gut, sondern dann entwickeln sich auch ihre Länder - eine doppelte Dividende."

Auch Untersuchungen der Weltbank haben ergeben, dass Bildung für Mädchen große Erträge bringen. Das Risiko während einer Schwangerschaft zu sterben, ist für Frauen mit Schulbildung deutlich geringer. Auch die Säuglingssterblichkeit nimmt ab, je höher der Bildungsgrad der Mutter ist. Gebildete Frauen sorgen außerdem dafür, dass ihre Kinder (beiden Geschlechts) regelmäßig die Schule besuchen. Dies wiederum steigert den Bildungsstand und die Aufstiegschancen der Familie. Bildung bremst auch das Bevölkerungswachstum. Frauen mit Schulbildung heiraten meist später und bekommen weniger Kinder. Insofern ist es im Interesse jeden Landes, dafür zu sorgen dass Mädchen zu starken, gebildeten Frauen heranwachsen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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