Inhalt

Markus Verne
Nur eigene Armut schützt vor Hilferufen der Familie

ESSAY In vielen Gesellschaften ist Unterstützung eine Pflicht. So wird der geringste Wohlstand umverteilt, bis nichts mehr da ist.

Sobald es um Afrika geht, geht es um Armut - und das nicht zu Unrecht. Natürlich hat Afrika auch andere Gesichter, und oft ist es schwer zu entscheiden, wann wirklich "Armut" herrscht und wann nicht. Dennoch leben nach wie vor zahllose Menschen in Umständen, die sich nicht anders bezeichnen lassen. Die Familien haben keinen Zugang zu Bildung, Information und gesellschaftlicher Partizipation. Viel grundsätzlicher: es fehlt Nahrung und Medizin. So ist es richtig, dass der Bekämpfung von Armut hohe Priorität eingeräumt wird.

Die "Armutsfalle"

Vielfältige Programme zeigen Wege auf, um sich aus der "Armutsfalle" zu befreien; unzählige Mikrokreditprojekte leihen Geld an Frauen, Kleinbauern oder lokale Organisationen, damit diese unternehmerisch tätig sein können. Nothilfeprogramme tun ihr Bestes, um Menschen vor den Folgen ausbleibenden Regens, Krieg oder Vertreibung zu retten. Dabei gibt es einen Grundkonsens: Immer geht es darum, Armut zu bekämpfen, die Kultur aber zu bewahren. Schließlich will man nicht in koloniale Attitüden zurückfallen, sondern den afrikanischen Sonderheiten Respekt zollen; Afrika soll , wie es heißt, "auf Augenhöhe" begegnet werden.

Diesem Anliegen liegt die implizite These zugrunde, dass "Armut" mit "Kultur" nichts zu tun hat. Armut stellt in der vorherrschenden Deutung einen kulturellen Ausnahmezustand dar, der sich ausschließlich widrigen Umständen verdankt. Das können die nach wie vor nicht überwundenen Erschütterungen der kolonialen Umgestaltung, post- und neokoloniale Abhängigkeiten, eine nicht zu bändigende Natur oder schwer zu bändigende politische Führer sein. Je nach Ideologie lässt sich das eine oder andere stärker als Begründung für Armut in Afrika verantwortlich machen. Und vieles ist sicher auch nicht falsch. Nur: Steht denn "Kultur" grundsätzlich für das Gute am menschlichen Miteinander? Was wäre denn, wenn kulturelle Handlungsweisen, die wir möchten, wesentlich zur Zementierung von Armut beitragen?

Ein kleines Beispiel aus dem Ort, in dem ich meine ethnologische Feldforschung durchführte - ein 300 Seelen-Dorf im westafrikanischen Sahel - soll zeigen, was ich meine.

In Bayan Dutsi ist jeder mit jedem verwandt. Ob durch Abstammung, Heirat oder, was ebenfalls zählt, durch Nachbarschaft: Alle fühlen sich einander verwandtschaftlich - und das heißt: ziemlich eng - verbunden. Für den von ständiger Knappheit durchzogenen Alltag bedeutet das hauptsächlich, dass man sich verpflichtet fühlt, füreinander einzustehen: Wer etwas nicht hat, aber braucht, kann andere darum bitten, und diese sind dazu verpflichtet, dem Fragenden zu helfen; ob es sich dabei um eine Kolanuss, Fahrtgeld oder um neue Kleidung handelt. Und man hilft grundsätzlich; nicht immer wirklich aus freien Stücken, aber der Dorfklatsch hat alles im Blick. Wer um Unterstützung bittet, ist im Recht. Diese Praxis gegenseitiger Hilfe wird, unter dem Stichwort "soziale Sicherung", von Entwicklungsexperten als afrikanisches Sozialversicherungssystem interpretiert - als kulturelle Praxis, deren großer Verdienst es ist, immer einen letzten Ausweg zu bieten, wenn die "widrigen Umstände" in echte Not zu führen drohen. Doch die These, dass Gegenseitigkeit Unterstützung bedeutet, ist zu kurz gedacht. Achillesferse ist die schlichte Tatsache, dass wer heute um Hilfe bittet, in der Regel auch morgen nicht helfen kann: Denn auch in Afrika ist nicht ein Mensch wie der andere. Auch hier gibt es geschickte und weniger geschickte, motivierte und unmotivierte Arbeiter. In der Folge sind es immer die Selben, die Hilfe einfordern (müssen). Und folglich werden auch immer die Selben um Unterstützung gebeten. Der geringste Wohlstand wird damit so lange umverteilt, bis niemand mehr geben kann. Nur eigene Armut schützt vor Forderungen der hilfsbedürftigen "Verwandten". Wer nicht arm sein will, hat kaum eine Chance, als sein Heil in der Flucht zu suchen - denn nur in der Migration kann man entscheiden, in welchem Umfang man hilft.

Schwere Entscheidung

Es ist gerade die so geschätzte Kultur der Unterstützung, besonders innerhalb der Familie, die - den Lebensstandard in den Keller treibt. "Kultur" findet sich eben nicht nur in bunten Kleidern und ausdrucksstarken Tänzen, sie reicht tief in sämtliche Dimensionen des täglichen Lebens hinein. Die Folge ist, dass sie zu bewahren nicht immer mit dem Anliegen zusammengehen kann, Afrika zu verändern. Es ist die schwierige Entscheidung zwischen Akzeptanz oder Veränderung, Zurückhaltung oder Einmischung, der sich all diejenigen stellen müssen, die sich politisch in Afrika engagieren wollen.

Der Autor ist akademischer Rat für Ethnologie an der Universität Bayreuth

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag