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Heiner Kiesel
Der Einfluss der Götter

RELIGION Islam, Christentum, Hexerei und Zaubertränke: Afrika glaubt an alles, was in der Not helfen kann

War es nicht doch göttliche Macht, die Omar Bongo 42 Jahre an der Macht hielt? Immerhin hatte der 2009 verstorbene Präsident Gabuns eine Menge Beistand: Er wurde als Kind von einem katholischen Priester getauft und konvertierte später zum Islam - was ihn aber nicht davon abhielt, mehreren traditionellen Kulten anzuhängen. Regierungstipps holte er sich auch bei einem Voodoo-Meister. Man mochte über seinen pragmatischen Umgang mit dem Glauben lächeln, seine geschickt eingefädelten Seilschaften und engen Beziehungen zu Frankreich anführen - in den Augen vieler Anhänger war Bongos Macht auf überirdische Mächte gegründet.

Staatsmänner, die als Heiler auftreten, christliche Prediger, die Tausende in Ekstase versetzen, Hexer, die Albinos töten, um Ingredenzien für ihre Zaubertränke zu gewinnen: Fortwährend sorgt Afrika für Berichte über spirituelle Praktiken. Und es ist eine Welt voller religiöser Gewalt, in der ägyptische Muslime Kopten attackieren, junge christliche Nigerianer muslimische Landsleute ermorden. Es gibt kaum einen Konflikt um Macht oder Ressourcen, der ohne Verweis auf die Religion stattfindet.

Islam und Christentum

Es drängt sich geradezu auf, den afrikanischen Kontinent als einen Schauplatz zu deuten, auf dem die beiden größten Weltreligionen um die Vorherrschaft kämpfen. Muslime und Christen halten sich zahlenmäßig in etwa die Waage. Nur noch eine Minderheit der Menschen bekennt sich ganz zu einer der traditionellen Religionen. Die geografische Verteilung stärkt den Eindruck der Konfrontation: Es gibt die deutliche Aufteilung in einen muslimischen Norden und einen christlich dominierten Süden. Die Geschichte der beiden monotheistischen Religionen in Afrika ist, abgesehen von der frühen Verbreitung des Islams in Ägypten und den Maghrebstaaten sowie den Überbleibseln christlicher Reiche im Sudan und Äthiopien, recht frisch. In Zentral- und Südafrika hielten sich zunächst die alten Kulte. Erst im 20. Jahrhundert, im Gefolge verstärkter kolonialer Durchdringung und der Befreiungsbewegungen, veränderte sich die religiöse Landkarte grundlegend.

Die beiden Weltreligionen treffen in einem breiten Streifen zwischen Senegal und dem Horn von Afrika aufeinander. Ein Konfliktgürtel? Wenn sich der Sudan teilt, oder sich der Christ Laurent Gbagbo weigert, die Macht in der Elfenbeinküste an den Muslim aus dem Norden, Alassane Ouattara, abzugeben, ist immer auch der Glaube im Spiel. Nicht wenige Länder der Übergangszone sind in sich in einen muslimischen Norden und einen christlichen Süden geteilt - so Ghana, Togo, Benin und Nigeria. Allerdings ist auffällig, dass es in Auseinandersetzungen kaum um Glaubens - oder Wertevorstellungen geht, sondern um Gruppeninteressen. "Wenn die interreligiöse Lage prekär ist", stellt der Religionsforscher Klaus Hock im Religionsmonitor 2008 fest, "kann dies in der Regel nicht auf die Intensität der jeweiligen Religiosität zurückgeführt werden." Das Label des Religionskonfliktes ist schwer abzustreifen, denn wenn es um Clans, Ethnien und Machtinteressen ihrer Führer geht:, hängen Gruppen- und Religionszugehörigkeit eng zusammen. Überhaupt ist der Glaube südlich der Sahara untrennbar mit allen Sphären des Lebens verbunden. Dieser Teil Afrikas ist eine der gläubigsten Regionen der Welt. Neun von zehn Menschen finden, dass Religion sehr wichtig in ihrem Leben ist, hat das "Pew Forum on Religion and Public Life", ein Projekt der Washingtoner Meinungsforschungsinstituts Pew Foundation, herausgefunden. Und das ist nur der Mittelwert - im Senegal bezeichnen sich 98 Prozent als gläubig; Botswana weist mit 69 Prozent den schlechtesten Wert der Umfrage auf. In Deutschland räumt nur jeder Vierte der Religion in seinem Leben einen so hohen Stellenwert ein.

Gesellschaft und Kult

Es gehört wohl zum Erbe der traditionellen afrikanischen Religionen, dass die Zugehörigkeit zu einem Kult und zu einer Gesellschaft nicht voneinander trennbar sind. Beides ist in den meisten Fällen auch nicht persönlich wählbar. Der Glaube an sich ist dabei wichtig, nicht das, woran man glaubt. So stehen sich Christen und Muslime oft recht tolerant gegenüber. Dort, wo religiöse Konflikte als drängend eingestuft werden, wie in Nigeria und in Ruanda, korrelieren die Einschätzungen erkennbar mit der verstärkten Wahrnehmung ethnischer Probleme.

Es sind eigenwillige Gläubige, die den Dogmatikern von Rom bis Mekka den Schlaf rauben. Amulette, Beschwörungen gegen den bösen Blick, Zaubertränke und Ahnenbeschwörung - ein Viertel der Christen und fast ein Drittel der Muslime finden diese Hilfsmittel und Praktiken hilfreich. Wunderheilungen oder Teufelsaustreibungen haben schon ein Drittel der Befragten erlebt, erfuhren die Pew-Befrager. Ziemlich weit ist bei Christen die Überzeugung verbreitet, dass das Reich Gottes kurz bevorsteht; viele der Muslime rechnen noch mit dem Wiedererstehen des Kalifats zu ihren Lebzeiten. Wunderpredigern und Spiritualisten verschafft dieser Glaube regen Zulauf und macht Religion zu einem Millionengeschäft. Selbst die Waschmittelwerbung setzt auf den Glauben: "Denn Schmutz wird keine Macht über euch haben!"

Gefährliche Tendenzen

Es ist unausweichlich, dass die Politik in dieser Atmosphäre glaubensdurchtränkt ist. Die Forderung, Religion aus dem öffentlichen Leben zu verbannen, ist wenig aussichtsreich. Eine paradoxe Situation: Der Glaube löst keine Probleme, doch sein Einfluss wächst mit ihnen. "Es gibt eine gefährliche Tendenz", beobachtet der nigerianische Religionssoziologe Ukah Asonzeh, "dass die Mächtigen ihren Führungsanspruch mit einem göttlichen Willen begründen." Das aber unterminiert laut Asonzeh die demokratische Legitimation von Herrschaft. "Wenn Gott den Präsidenten bestimmt, wozu brauchen wir dann noch Wahlen?" Natürlich müssen Politiker religiös sein und sie sind es nicht nur oberflächlich: "Die Religion ist für sie eine ein Quelle der Macht und der Kraft", beobachtete Asonzeh quer durch den Kontinent. "Alles ist willkommen, was die Macht stärkt, diese Politiker gehen am Freitag in die Moschee, am Sonntag in die Kirche und schieben Besuche beim Geistheiler dazwischen. Bestes Beispiel dafür ist der erwähnte Omar Bongo. Sollen Staatsmänner nicht Probleme lösen? Gambias Staatschef Yahya Jammeh verspricht Aidskranke "innerhalb weniger Tage" zu kurieren - mit Kräutern und Koransuren. Thabo Mbeki propagierte als Südafrikas Präsident nur Olivenöl, Knoblauch und Rote Bete gegen Aids. Dafür stellte er Geistheiler per Gesetz examinierten Ärzten gleich.

Der Autor arbeitet als freier Journalist für Deutschlandradio und Deutsche Welle

Aus Politik und Zeitgeschichte

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