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Hauke Dorsch und Markus Verne
Schwarze Musik lagert in Mainz

Musik

Als Tansanias erster Präsident Julius Nyerere bei seiner Amtseinführung das Problem der Dominanz westlicher Musikstile ansprach, plagte ihn die Sorge, dass diese für das neu zu schaffende nationale Bewusstsein schädlich sein könnte. Dabei bezog er sich auf ein überraschendes Phänomen: der Soundtrack der afrikanischen Unabhängigkeitsära klang amerikanisch, häufig lateinamerikanisch. Denn anders als Nyerere es behauptete: In Afrika war man von neuen Musiken begeistert, egal woher sie stammten. Und daran hat sich bis heute nichts geändert, denn auch hier liegt Musik eben nicht "im Blut".

Seit Jahrhunderten gelangen arabische, asiatische und europäische Musiken nach Afrika, werden aufgenommen und auf verschiedene Arten und Weisen mit den eigenen Repertoires in Beziehung gesetzt. Und während dies die meiste Zeit über musizierende Reisende geschah - ob nun durch seefahrende Händler oder erobernde Militärkapellen - waren es gegen Ende der Kolonialzeit vor allem Schallplatten, die die lokalen Musikszenen beeinflussten. Entsprechend der Mode der Zeit waren darunter viele Stücke mit kubanischer Musik - weshalb in vielen afrikanischen Ländern die Unabhängigkeit mit Rumba und Cha-Cha-Cha gefeiert wurde. Dass diese wiederum selbst auf afrikanische Grooves zurückgehen, ist nicht nur eine besondere Pointe, sondern zeigt vor allem, dass Musik immer ein Austausch ist. Afrika hat nie nur genommen, sondern der Welt zu vielen Musikstilen verholfen.

Viele tun sich schwer, Afrika diese Teilhabe an der globalisierten Welt zuzugestehen. Vielerorts hadert man noch damit, in Afrika mehr als nur das exotische Andere zu sehen. Besonders zeigen dies die Aktivitäten der über Afrika verteilten westlichen Kulturzentren. Hier legt man afrikanischen Bevölkerungen nahe, sich doch auf die eigenen Wurzeln zu berufen, anstatt sich am von außen Kommenden zu erfreuen. Folgerichtig werden auch nur diejenigen Musiken gefördert, die dem eigenen Afrikabild entsprechen. Dazu gehört vor allem Weltmusik, die den lokalen Stilen entwachsen ist (oder dies jedenfalls behauptet), gern Jazz, und neuerdings etwas Hip Hop, da diese nicht nur "schwarze" Wurzeln haben, sondern auch noch - wie es sein soll - politisch sind und afrikanische Missstände beklagen. Überall im heutigen Afrika werden ganz andere Musiken gehört - R'n'B und New Soul, Techno in allen Varianten, und unzählige "afrikanische" Formen populärer Musik, die mit schwingenden Gitarren und quäkenden Keyboards - zum Tanzen animieren.

Wenige Institutionen nehmen diese Stile ernst, so wie das Mainzer Archiv für die Musik Afrikas (AMA). Es setzt sich seit 1991 zum Ziel, besonders diese von Eliten wenig beachteten Aufnahmen populärer Musik zu sammeln. Inzwischen auf über 10.000 Tonträger angewachsen, umfasst die Sammlung des AMA Schelllackplatten, Vinyl-LPs, Musikkassetten, CDs, Video-CDs, DVDs und Zeitschriftenartikel, wobei das musikalische Spektrum vom Highlife aus Ghana, über kongolesische Rumba, äthiopische Popmusik, oder senegalesischen Rap bis zum angolanischen Kuduro die große Bandbreite populärer Stile abdeckt. Stile, die in Afrika meist ohne Förderung klarkommen. Denn sie passen weder zum Afrikabild von Julius Nyerere und seinen heutigen Politikerkollegen, noch zu dem europäischer Kulturförderer.

Hauke Dorsch ist Leiter des Archivs für die Musik Afrikas (AMA) der Universität Mainz.

Dr. Markus Verne ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bayreuth.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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