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Parlamentarisches Profil
Sandra Schmid
Anti-Atomkraft-Aktivistin: Dorothée Menzner

Noch einmal zieht sie an ihrer Zigarette, dann ist sie da: Dorothée Menzner wirkt kleiner und schmaler als im Fernsehen, doch der Händedruck ist fest und das Lächeln breit. Ihre schulterlangen, rötlich gelockten Haare hat sie im Nacken zusammengebunden. Die energiepolitische Sprecherin der Linksfraktion kommt gerade aus einer mehrstündigen Sondersitzung des Umweltausschusses. Das beherrschende Thema dort, wie fast überall: Die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima und die energiepolitischen Konsequenzen in Deutschland. Gerade erst hat Bundeskanzlerin Angela Merkel angekündigt, die im Herbst 2010 beschlossene Laufzeitverlängerung für die deutschen Kernkraftwerke drei Monate lang auszusetzen. Die ältesten Meiler sollen abgeschaltet, zwei davon eventuell ganz stillgelegt werden. Es ist eine Kehrtwende der schwarz-gelben Atompolitik.

Dorothée Menzner reicht das nicht. Sie sitzt am Schreibtisch ihres Berliner Abgeordnetenbüros und stützt sich mit den Ellenbogen auf. Zusammen mit einigen Hundert Demonstranten - darunter auch die Spitzen ihrer Partei, der SPD sowie der Grünen - hat sie zwei Tage zuvor bei einer Mahnwache vor dem Kanzleramt eine sofortige, endgültige Stilllegung der sieben ältesten Atomkraftwerke gefordert. "Eine Aussetzung ohne Abschaltung wäre das Auftragen einer weißen Salbe", so formuliert es die 45-Jährige. Die Folge aus dem japanischen Desaster könne nur ein Ausstieg aus der Kernkraft sein - unumkehrbar und unverzüglich. "Wir reden hier von Monaten, nicht Jahren", setzt Menzner mit Nachdruck dazu. Die Augen hinter den ovalen Brillengläsern blicken ernst.

Menzners Einsatz gegen die Nutzung der Kernkraft begann früh: Aufgewachsen im südhessischen Bensheim, "in Sichtweite des AKWs Biblis", empfand sie bereits als Schülerin den nahen Meiler als "bedrohlich". Die Debatte um die Stationierung atomarer Mittelstreckenwaffen in Deutschland und den geplanten (aber nie verwirklichten) Bau einer Wiederaufbereitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf Anfang der achtziger Jahre prägten und politisierten Menzner nachhaltig: Bis heute ist die Ingenieurin und verwitwete Mutter eines Sohnes neben ihrem Bundestagsmandat auch in zwei Bürgerinitiativen gegen die atomaren Endlager in Gorleben und im Schacht Konrad aktiv. Bis auf einmal war sie bei jeder Blockade eines Castor-Transports dabei.

Trotzdem war es nicht das Thema Atomkraft, das sie dazu veranlasste, sich auch parteipolitisch zu engagieren: "Das waren Mölln, Solingen und Rostock-Lichtenhagen", sagt Menzner und meint damit die Serie von ausländerfeindlichen Brandanschlägen und Ausschreitungen zwischen 1991 und 1993. "Ich war fassungslos und fragte mich, was ich tun kann." Nur an Lichterketten teilzunehmen war ihr nicht genug, und so trat sie 1994 in die PDS ein. Hier fühlte sich Menzner, die zu dieser Zeit in Hannover Architektur studierte, mit ihren politischen Schwerpunkten "Anti-AKW, Anti-Militarismus, Antifaschismus" am richtigen Ort. Sie engagierte sich zunächst im Kreisverband, wurde aber bereits 1998 niedersächsische Landesvorsitzende und blieb auch nach der Fusion von Linkspartei, PDS und WASG Mitglied im Landesvorstand der Linken.

Seit 2005 ist Menzner selbst Abgeordnete und vertritt den Wahlkreis Helmstedt-Wolfsburg im Bundestag. In ihrer ersten Wahlperiode machte sie sich als verkehrspolitische Sprecherin der Linksfraktion insbesondere gegen die Privatisierung der Bahn stark. Seit der Bundestagswahl 2009 gilt ihre Aufmerksamkeit nun der Energie- und damit der Anti-Atompolitik. Als Obfrau im Gorleben-Untersuchungsausschuss verfolgt sie klare Ziele: "Ich will, dass Gorleben gekippt wird. Zum Endlagerstandort wurde es nie aufgrund von wissenschaftlichen Überlegungen und geologischer Eignung erklärt, sondern nur, weil es politisch opportun war." Die Suche nach einem neuen Standort müsse "ergebnisoffen und transparent" angegangen werden, fordert sie. Voraussetzung dafür jedoch: Der endgültige Ausstieg aus der Kernkraft. Der Reaktorunfall in Japan scheint dafür eine Chance zu bieten. Die will Menzner nutzen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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