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Matthias Knecht
»Sweet Micky« verspricht eine neue Ära

HAITI Der Inselstaat stimmt gegen das Establishment und wählt Außenseiter zum Präsidenten

Eine "neue Ära für Haiti" hat der designierte Präsident Michel Martelly (50) nach seinem Sieg in der Stichwahl am vorvergangenen Wochenende versprochen. Er erzielte 68 Prozent der Stimmen, so das vorläufige amtliche Ergebnis. Seine Gegnerin Mirlande Manigat (71) kam lediglich auf 32 Prozent. Enttäuschungen über den schleppenden Aufbau Haitis nach dem Erdbeben vom Januar 2010 bescherten Martelly einen Erdrutschsieg. Populär ist er in Haiti als Schlagersänger "Sweet Micky". Politische Erfahrung hat er nicht. Genau das machte ihn bei den 23 Prozent der 4,7 Millionen Wahlberechtigten, die überhaupt an die Urnen gingen, glaubwürdig. Martelly gilt als Alternative zum Establishment, die ehemalige First Lady Manigat hingegen als dessen Vertreterin.

»Kleines Wunder«

Im Gegensatz zur chaotischen ersten Wahlrunde vom November blieb es dieses Mal ruhig. EU-Außenministerin Catherine Ashton sprach darum von einer "wichtigen Etappe" für einen beschleunigten Aufbau Haitis. Bill Clinton, UN-Sondergesandter für Haiti, sprach gar von einem "kleinen Wunder". Denn so unspektakulär verlief noch keine Wahl in Haiti. Die Verliererin Manigat sah zwar Wahlbetrug am Werk und gratulierte Martelly bisher nicht. Sowohl Haitis Wahlbehörde als auch die internationalen Wahlbeobachter wiesen die Vorwürfe jedoch zurück. Spätestens am 14. Mai soll Martelly das Amt vom gegenwärtigen Präsidenten René Préval übernehmen. Ihm verbot die Verfassung die Wiederkandidatur. Was vom Politneuling Martelly zu erwarten ist, weiß niemand. Er kündigte in einer ersten Ansprache viel "Wandel" für Haiti an. Doch in seinem Wahlkampf benutzte er bekannte Methoden haitianischer Politik. Als ihn die Wahlbehörde in der ersten Wahlrunde zunächst auf den dritten Platz setzte, mobilisierte er seine Anhänger, um Randale zu machen.

Verfassungsänderung

Erschwert wird Martellys zukünftige Regierung durch das Ergebnis der Parlamentswahlen, die gleichzeitig stattfanden. Sowohl im Abgeordnetenhaus als auch im Senat behält Prévals Partei ihre dominierende Position. Martelly ist dringend auf das Parlament angewiesen. Voraussetzung für die von ihm selbst versprochene Ankurbelung der Wirtschaft ist eine Öffnung des Karibikstaats für Investitionen der Millionen Exil-Haitianer. Dazu aber bedarf es einer Verfassungsänderung. Versprochen hat Martelly auch rasche Lösungen für die 680.000 Obdachlosen, die nach dem Erdbeben in Notunterkünften leben. Grund für den schleppenden Bau von Häusern sind die größtenteils ungeklärten Eigentumsverhältnisse an Grundstücken. Doch auch um das zu ändern, braucht Martelly das Parlament.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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