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Alexander Weinlein
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EINHEITSDENKMAL Kulturpolitiker begrüßen mehrheitlich den Entwurf von Waltz und Milla. Grüne und Linke kritisieren Standort und Auswahlverfahren

Am 9. November 2014 könnte es eingeweiht werden: das Einheits- und Freiheitsdenkmal in Berlin. Fünf Jahre später, als der Bundestag in seinem Beschluss vom 7. November 2007 (16/6925) ursprünglich gedacht hatte, aber immerhin doch zum 25. Jubiläum des Mauerfalls und der friedlichen Revolution in der DDR im Jahr 1989. Am vergangenen Mittwoch präsentierte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) zusammen mit der Berliner Choreografin Sasha Waltz und dem Architekten Sebastian Letz von der Stuttgarter Agentur Milla & Partner vor dem Kulturausschuss die Planungen für das Denkmal. Der Entwurf von Waltz und Milla mit dem Namen "Der bewegte Bürger" war als Sieger aus dem öffentlichen Wettbewerb zur Gestaltung des Denkmals hervorgegangen.

Auf der Berliner Schlossfreiheit soll eine 50 Meter lange, zu beiden Seiten himmelwärts gebogene und begehbare Waagschale entstehen. Die Schale könne bewegt werden, erklärte Architekt Letz, wenn sich die Besucher des Denkmals mehrheitlich auf eine der beiden Seiten bewegen würden. Dadurch würde symbolisert, wie Menschen in Bewegung die Welt verändern können. "Erst durch die Menschen wird das Denkmal komplett", erläuterte Waltz die Intention des Entwurfs.

»Wir sind das Volk«

Auf der Oberseite der Schaale werden populäre Losungen und Forderungen aus der Wendezeit zu lesen sein. Die beiden Sätze "Wir sind das Volk" und "Wir sind ein Volk" sollen als die beiden zentralen Aussagen der friedlichen Revolution hervorgehoben werden. Szenen von den Demonstrationen gegen das SED-Regime werden auf der Schalen-Unterseite abgebildet.

Wolfgang Börnsen (CDU/CSU), Wolfgang Thierse (SPD) und Patrick Kurth (FDP) sprachen sich im Namen ihrer Fraktionen in der öffentlichen Sitzung des Auschusses ausdrücklich für den Denkmalsentwurf aus. Börnsen betonte, es sei wichtig und richtig, dass nicht nur an die "traurigen und tragischen Ereignisse in der deutschen Geschichte" erinnert werde, sondern auch an die "glücklichen". Das Denkmal rufe die Bürger zum Mitmachen auf. Und Kurth fügte hinzu, mit dem Einheits- und Freiheitsdenkmal werde "eines der wenig positiv besetzten Denkmäler" in Deutschland entstehen. Der Entwurf verbindet in sehr gelungener Weise Vergangenheit und Gegenwart.

Thierse verteidigte den Standort des Denkmals auf der Berliner Schlossfreiheit - dort thronte bis zu seinem Abriss im Winter 1949/50 das Reiterstandbild Kaiser Wilhelm I. - gegen die Kritik von Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) und Rosemarie Hein (Die Linke). Das Einheits- und Freiheitsdenkmal sei im Gegensatz zu Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal "alles andere als imperial", sei als Symbol einer Freiheits- und Einheitsbewegung "von unten" ein bewusst gewählter "Kontrapunkt" zur Reichsgründung "von oben" im Jahr 1871.

Wettbewerb

Börnsen, Thierse und Kurth hatten den Bundestag in der 15-köpfigen Jury vertreten, die am 3. Oktober des vergangenen Jahres aus 28 Entwürfen für das Denkmal drei gleichrangige Finalisten ausgesucht hatte. An dem mehrstufigen Wettbewerbsverfahren hatten sich insgesamt 386 Künstler und Architekten beteiligt. Neumann hatte dann zusammen mit dem Bundesbauministerium als Auslober des Wettbewerbs aus den drei Finalisten den Entwurf von Milla und Waltz als Sieger ausgewählt. Ein erster Wettbewerb war ergebnislos abgebrochen worden, weil sich unter den 533 eingereichten Entwürfen keiner gefunden habe, der den Ansprüchen des Denkmals gerecht geworden sei, erläuterte Neumann.

Roth und Hein signalisierten zwar durchaus Sympathie für den Entwurf von Waltz und Milla, übten zugleich aber harsche Kritik am Auswahlverfahren, von dem sie ausgeschlossen gewesen seien. Sie sei zwar nachträglich zu den Sitzungen der Jury eingeladen worden, ein Stimmrecht sei ihr aber nicht eingeräumt worden, beklagte sich Roth. Ihre Fraktion bachte am Mittwoch zudem einen Antrag (17/5469) ein, in dem sie eine Aussetzung des Wettbewerbsverfahrens und eine öffentliche Debatte über das Denkmal fordert. Diese Kritik wiesen Börnsen, Thierse und Kurth als ungerechtfertigt zurück. Der Bundestag habe mehrfach über das Denkmal debattiert und einen Beschluss gefasst, den es umzusetzen gelte.

Die Bauzeit für das Einheits- und Freiheitsdenkmal, für das Kosten von zehn Millionen Euro veranschlagt sind, wird auf zwei bis drei Jahre geschätzt. Bei einer zügigen Umsetzung rückt ein Einweihungstermin für das Denkmal am 9. November 2014 damit in greifbare Nähe.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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