Inhalt

PRO: FLÄCHENDECKENDER MINDESTLOHNGastkommentar
Maike Rademaker
Nur mit Kontrollen

Sie warten auf sie. Offen begrüßten die Wirte und Hotelbetreiber vor dem 1. Mai die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Kein Wunder, der Branche fehlen Küchenhilfen, Zimmermädchen, Kellner. Sie hofft nicht auf Fachkräfte, sondern auf Hilfen, die flexibel sind, genügsam und nach der Saison nach Hause wollen. Weil ein Mindestlohn in dieser Branche fehlt, ebenso wie im Einzelhandel oder der Landwirtschaft, droht neuer Lohndruck durch Konkurrenz und Verdrängung.

Wie groß der Druck wird, wie viele und wer verdrängt wird, darüber streiten die Experten. Das Ergebnis sollte man nicht abwarten. Deutschland muss im Wettbewerb um neue Köpfe grundsätzlich den Ruf verlieren, ein Billiglohnland zu sein - und deswegen den Anlass aufgreifen, um einen Schlussstrich zu ziehen: Die Regierung sollte ein Gremium nach britischem Vorbild einrichten, dass für alle eine Lohnuntergrenze festlegt. Die muss nicht bei zehn Euro pro Stunde liegen. Die meisten Branchenmindestlöhne liegen zwischen sechs und acht Euro - das ist eine Orientierung.

Sinn macht so ein Mindestlohn aber nur, wenn er eng kontrolliert wird, gerade in Branchen mit viel Saisonarbeit und wechselndem Personal. Das zeigt die Erfahrung mit den Branchen, in denen solche Strukturen herrschen und der Mindestlohn - wie bei den Gebäudereinigern - oft unterlaufen wird. Da werden Zimmer abgerechnet statt Stunden und Zeitpläne gefälscht, bis der Lohn niedrig genug ist. Ausländische Mitarbeiter, die ihre Rechte nicht kennen oder nicht formulieren können, wehren sich selten - und nun kommen mehr davon. Ein Mindestlohn schützt sie und ihre deutschen Kollegen nur, wenn die Kontrollen so scharf sind, dass den Arbeitgebern der Betrug zu teuer wird.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag