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Parlamentarisches Profil
Hans Krump
Die Frau der Zahlen: Claudia Winterstein

Das Wahlrecht sollte auf breiter demokratischer Grundlage reformiert werden." Claudia Winterstein, Parlamentarische Geschäftsführerin der FDP-Bundestagsfraktion, wirbt für einen breiten Konsens angesichts der komplexen Materie. Denn große Parteien hätten bei der Reform des Bundestags-Wahlrechts andere Interessen als kleine. Trotz neuen Beratungsbedarfs einiger Fraktionskollegen nach einer in der Koalition schon verkündeten Einigung ist Winterstein optimistisch, dass es bis zur Sommerpause die von Karlsruhe gewünschte Lösung gibt. Dass man aber die umstrittenen Überhangmandate ganz loswerden könne, wie in der Opposition teils gefordert, daran glaubt Winterstein nicht.

Die Liberale ist in vielen politischen Fragen zuhause, nicht nur beim Wahlrecht: "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht." Winterstein ist nicht nur Parlamentarische Geschäftsführerin (PGF) der FDP-Fraktion, sie vertritt die Partei auch im Haushaltsausschuss und führt seit gut 14 Jahren die FDP in Hannover. Man muss Power-Frau sein, um das zu bewältigen. Der charmant wirkenden, zierlich-drahtigen Liberalen traut man zu, sich in der harten Welt der Politik zu behaupten. Seit Oktober 2002 sitzt Claudia Winterstein im Bundestag. Die 61-Jährige denkt nicht daran, den Politikerberuf demnächst an den Nagel zu hängen: "Mir macht die Arbeit hier viel Spaß. Wenn ich gesund und fit bleibe, will ich auch nach 2013 dem Bundestag angehören." Ihr politisches Credo ist klassisch-liberal: Eigenverantwortung des Einzelnen bei Rücknahme des Staates. Dafür trat sie 1980 in die FDP ein, ein Jahr nach ihrem Umzug von Berlin nach Hannover. Sie folgte damals ihrem Mann, einem Architekten. Zuvor hatte die gebürtige Berlinerin in den 70er-Jahren an der FU Pädagogik studiert. 1976 bis 1979 war sie Geschäftsführerin des Landesverbands Berlin der Deutschen Gesellschaft für die UN.

Im Bundestag ist die promovierte Philosophin eine "Frau der Zahlen", die im Haushaltsausschuss und als Chefin der AG Haushalt der Fraktion die Staatsverschuldung kritisiert und die Ressorts zum Sparen anhält. Keine Trockenkost, "sondern höchst lebendig", so Winterstein. Denn hinter jeder Zahl stecke eine eigene, interessante Geschichte. Winterstein bearbeitet unter anderem die Etat-"Dickschiffe" Arbeit und Soziales sowie Verkehr, Bau und Stadtentwicklung: "Da sieht man, wie alles von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängig ist."

Bundesweit bekannt wurde ihr Name im Mai 2004, als sie maßgeblich dafür sorgte, dass Horst Köhler schon im ersten Wahlgang der Bundesversammlung als Bundespräsident durchkam. Als Schriftführerin fiel Claudia Winterstein damals bei Beginn der Aufzählung auf, dass im Stapel von Gesine Schwan zwei Köhler-Stimmen versteckt waren. "Das gefiel mir gar nicht", sagt sie und setzte gegen einige Widerstände durch, dass alle Stimmzettel erneut ausgezählt wurden.

Hartnäckigkeit wie damals ist eine Stärke Wintersteins. Das braucht sie auch heute als eine der vier Parlamentarischen Fraktions-Geschäftsführer, zu der sie nach den FDP-Turbulenzen nun wiedergewählt wurde. Als PGF ist sie dafür zuständig, die 93 FDP-Abgeordneten bei Abstimmungen zusammenzubringen. "Dafür bin ich schon energisch genug", so Winterstein. Trotz langer Parlamentserfahrung - sie saß auch im Rat der Stadt Hannover - drängt es Winterstein nicht in die Exekutive: "Mit meiner Arbeit als Parlamentarische Geschäftsführerin bin ich voll zufrieden."

Es gibt noch eine andere Seite im Leben Claudia Wintersteins: Kunst und Kultur. Als Filmexpertin der Fraktion kämpft sie für die Förderung des deutschen Films. Und im Bundestags-Kunstbeirat entscheidet sie mit über den Ankauf von Werken zeitgenössischer Künstler für das Parlament. Nicht ohne Stolz zeigt Winterstein auf das große Gemälde "Blaue Madonna" des Hannoveraner Künstlers Wolfgang Tiemann in ihrem Büro. Was bleibt bei einem ausgefüllten Politikerleben noch an Hobbies und Freizeit? "Nicht viel", räumt Claudia Winterstein ein. Ein bisschen Skat in Hannover, etwas Heimgymnastik. Und sie freut sich, wenn sie daheim ihren 26-jährigen Sohn sehen kann - leider nur gelegentlich, denn der ist Lufthansa-Pilot.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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