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Alfred Hackensberger
Israel sorgt sich über gerüstete Hisbollah

LIBANON UN-Beschlüsse zur Entwaffnung weitgehend unterlaufen. Lieferungen vor allem aus Iran

Es war zwar kein rundes Jubiläum, trotzdem wurde wie üblich groß gefeiert. Tausende von Hisbollah-Anhänger gingen in Nabi Sheet im Bekaa-Tal auf die Strasse, um den "Tag der Befreiung" zu feiern. Am 25. Mai 2000 war die israelische Armee aus dem Südlibanon abgezogen, den sie 18 Jahre besetzt gehalten hatte. Der Guerillakrieg der Hisbollah kostete zu viele Opfer, die vor der Öffentlichkeit Israels nicht mehr zu rechtfertigt waren. In seiner Rede, die über Videolink von einem geheimen Ort übertragen wurde, sprach Hassan Nasrallah von einem "historischen Tag, der das Gesicht der Region veränderte". Bei aller Pathetik, ganz Unrecht hat der Generalsekretär der schiitischen Miliz damit nicht. Der Militärmacht Israel Paroli zu bieten, war bisher keiner der Armeen der arabischen Nationen gelungen. Der "glorreiche Sieg über Israel" sorgte unter Muslimen weltweit für große Sympathie und Popularität. Im Libanon legte er den Grundstein für Hisbollah als bestimmende politische Partei. In der Region machte er die Organisation zu einem ernstzunehmenden "player". Die Lektion war schnell gelernt: Militärische Kapazitäten sind ein Garant für Erfolg. Im August 2006 griff Israel den Libanon an, um Hisbollah zu zerschlagen. Aber die israelische Armee traf auf einen vorbereiteten und hoch gerüsteten Gegner, mit dem man sich unerwartet schwer tat und der die erneute Invasion des Südlibanons zum Stehen brachte. Hassan Nasrallah stieg endgültig zum Helden der arabischen und muslimischen Länder auf. "Niemand kann uns unsere Waffen nehmen", drohte der Generalsekretär nun fünf Jahre nach dem neuerlichen Abzug israelischer Truppen. "Niemand im Libanon, noch der Rest der Welt". Die Waffen seien ein notwendiger Beitrag zum Machtgleichgewicht in der Region, so Nasrallah weiter.

Heute soll Hisbollah über 40.000 Raketen verfügen und ist so stark wie nie zuvor. Sie besitzen Langstreckenraketen mit einer Reichweite von mehreren hundert Kilometern, die in allen israelischen Städten einschlagen könnten. Umfangreiche Bunkersysteme und Abschussrampen wurden nördlich des Litani-Flusses gebaut. In ein bergiges Gelände, das außerhalb der Kontrolle der Unifil-Truppen liegt. Diese Aufrüstung ist ein eindeutiger Verstoß gegen eine Resolution des UN-Sicherheitsrats, die eigentlich die Entwaffnung aller Milizen im Libanon vorsieht. Die Beschlüsse der UN kümmern Hisbollah und seine Lieferanten wenig. Aus Russland sollen weiterhin modernste Panzerabwehrwaffen kommen. Sie waren bereits im Libanonkrieg 2006 entscheidend, als damit eine ganze Reihe von israelischen Panzern vom Typ Merkava zerstört wurden, die als sicher galten. Kurz- und Langstreckenraketen stammen aus dem Iran. Syrien ist das Transitland, über das die Waffen über Land in den Libanon gelangen. Über See erfolgen so gut wie keine Lieferungen. Der Schiffsverkehr ist über Satellit leicht zu beobachten. Israel kontrolliert ständig verdächtige Schiffe. Der überwiegende Teil des Militärequipments für Hisbollah wird eingeflogen. Von den iranischen "Revolutionären Garden" entweder über die syrische Hauptstadt Damaskus oder direkt nach Beirut.

Der Sicherheitschef des Rafik Hariri Flughafens gilt als ein Hisbollah Mann. Laut israelischen Geheimdienstberichten seien in den letzten Monaten überdurchschnittlich viele Waffen in den Libanon geschmuggelt worden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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