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AUFGEKEHRT

Im Lichte der Erkenntnis

Mehr Licht! soll Goethe kurz vor seinem Tod gefordert haben. Mehr Licht - oder weniger Dunkelheit - wünscht sich auch die Regierung. Deswegen sollen im Laufe dieser Woche die letzten Angaben zum Zensus 2011 bei den Erhebungsstellen eingehen. Bis zu 1,3 Millionen Karteileichen werden im Schatten der Volkszählung vermutet. Der Grund: Sobald man sich bei einem neuen Wohnort an-, aber beim alten nicht abmeldet, landet eine Leiche mehr im Aktenkeller des Staates. Der Zensus 2011 zu Wohnort, Migrationshintergrund, Lieblingsessen und Duschgewohnheiten der Bürger soll also Licht bringen.

Im Grunde wird in der Politik nämlich nicht anders gewirtschaftet als in einem privaten Haushalt: Wenn man den Überblick verliert, kauft man schnell zu viel, zu wenig oder schlichtweg das Falsche ein. Wie ein kleines gallisches Dorf behindern also die falsch Gemeldeten die Regierung bei ihrer politischen Arbeit. Oder besser: wie ein kleines hessisches Dorf.

Das Land Hessen könnte nämlich einen Sitz im Bundesrat verlieren, sollte die Bevölkerungszahl in dem Bundesland unter die Sechs-Millionen-Marke rutschen. Wie das Land auf die nach dem Abstieg von Eintracht Frankfurt aus der Fußball-Bundesliga drohende zweite Identitätskrise reagieren wird, ist nicht bekannt. Die Ergebnisse des Zensus 2011 hinsichtlich der Einwohnerzahlen werden nämlich erst in eineinhalb Jahren veröffentlicht.

Man darf auch gespannt sein, wie die erkenntnissuchende Bundesregierung auf einen Sitzverlust Hessens reagieren wird. Denn Hessen ist in schwarz-gelber Hand, der Verlust so auch ein schwarz-gelber. Vielleicht nimmt es die Regierung aber gelassen und verspürt ach! in ihrer Brust einfach nur die Seele Goethes. Wie der gebürtige Frankfurter schon sagte: "Wer andere zu leiten strebt, muß fähig sein, viel zu entbehren."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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