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SERIE ÜBER ABGEORDNETENBÜROS: ZU BESUCH BEI HARTWIG FISCHER
Tatjana Heid
»Wir sind hier in Afrika«

Berlin-Mitte, Wilhelmstraße, das Brandenburger Tor ist nicht weit. Augenscheinlich befinden wir uns in Europa. Ein Blick in das Büro von Hartwig Fischer (CDU) lässt an dieser Überzeugung zweifeln. "Wir sind hier in Afrika", sagt der Büroleiter zur Begrüßung. Er hätte es nicht treffender formulieren können. An einer Wand in Hartwigs Büro hängen Tingatinga-Bilder, an einer anderen die politische Karte Afrikas. Die Regale sind überhäuft mit Mitbringseln: bestickte Mützen, ein Ball aus getrockneten Bananenblättern und Gras, Armreifen, aus Müll gebastelte Spielzeugautos, Flusspferde aus Holz, der Unterkiefer eines Fisches, eine Nelson-Mandela-Figur, Schulhefte aus Ghana mit dünnen, fast durchscheinenden Blättern. Auf dem Tisch drängen sich die Flagge von Mali und Afrika-Broschüren, der Kaffee kommt aus Äthiopien und der Büroleiter hat bei einem HIV-Projekt in Kenia gearbeitet.

Hartwig Fischer ist als Abgeordneter der Unionsfraktion für Afrikapolitik zuständig. Seit Beginn seiner parlamentarischen Tätigkeit 2002 war er auf 34 Reisen in 29 afrikanischen Ländern. Fischer kennt von jedem Mitbringsel das Herkunftsland, kann sich erinnern, wann und wo er es gekauft oder geschenkt bekommen hat: den Sarg in Fischform aus Ghana, den grünen Schamott-Herd aus Uganda, die Flöte aus Äthiopien. Sie ist klein und rund, aus Holz geschnitzt und hat oben Löcher. Fischer bläst in eine Art Schnabel und lässt wacklige Töne erklingen. Dann grinst er. Musik war nie seine Stärke, meint er.

Mit jedem Stück verbindet der 62-Jährige eine Erinnerung. Zum Beispiel an den Häuptlingspinsel aus Ziegenhaar - ein Geschenk aus der Demokratischen Republik Kongo. Eines Abends krabbelten nacheinander zahlreiche Motten aus dem Pinsel, die sich gut geschützt nach Deutschland hatten importieren lassen. "Seitdem friere ich alles, was aus Afrika kommt, erst einmal ein", sagt Fischer. Allerdings: Aus Afrika kommen, klingt leicht. Ist es aber nicht. Einen Herd per Flugzeug nach Deutschland transportieren? "Kriegen Sie das erstmal hin", ruft Fischer. Die Funktionstüchtigkeit dieser Schamott-Herde hatte er zuvor in Uganda getestet. Auf der Speisekarte: Hühnerinnereien. Was andere gruselt, isst Fischer gern. "Ich bereite mir in Berlin selbst hin und wieder Hühnermägen zu. Allerdings nur, wenn meine Frau nicht dabei ist", sagt er.

Es war die Familie, die ihn zu seiner Afrikaliebe brachte. Seine Tochter nahm während ihres Studiums an einem Projekt in Sansibar teil - der Besuch bei ihr war Fischers erste Berührung mit dem Kontinent. Heute ist die Tochter mit einem Halbafrikaner verheiratet, Fotos von den Enkeln stehen auf Fischers Schreibtisch, dahinter hängen Bilder seiner Afrikareisen - mit Horst Köhler in Nigeria, mit Angela Merkel auf dem Weg nach Südafrika. Und schließlich ist da ein Foto von einem strahlenden Fischer in einem Pulk Kinder. Sie sind Bewohner eines Flüchtlingslagers im Kongo, kurz nach Ende des Bürgerkriegs 2003. "Die Menschen in Afrika faszinieren mich", sagt Fischer. "Sie sind immer fröhlich und hoffnungsvoll."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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