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CONTRA: RENTE MIT 67Gastkommentar
Astrid Hölscher
Kaltes Sparprogramm

Der demografische Mustermensch arbeitet fröhlich bis zum Alter von, sagen wir, 77 Jahren, genießt hernach seine Muße, und wenn das Leben ihm wohl will, währt diese zehn Jahre. Dann stirbt er, ohne zu leiden und die Pflegekassen zu quälen.

Diese Vorstellung hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun? Stimmt. Sie blendet das wahre Leben ebenso aus, wie die Rente mit 67 dies tut. Auch dieses Modell weiß nichts von Burnout mit 45, Kündigungen mit 58, mehrjährigen Lücken zwischen letzter Arbeitslosengeldrate und erster Rentenzahlung, schlecht bezahlten Altersjobs und dem Elend, nach all dem Fleiß und der Mühe von Hartz IV abzuhängen. Es kennt nur gesamtgesellschaftliche Trends und abstrahiert kühl vom individuellen Wesen und seinen Beschränkungen.

Rente mit 67 oder auch erst mit 69, wie die Wirtschaftsweisen schon mal vorgedacht haben, darüber ließe sich reden, wenn der Rahmen stimmte. Wenn es anständig honorierte Teilzeit-Jobs für halbwegs fitte Sechziger gäbe und zugleich Chancen für Berufseinsteiger. Wenn Betriebe neben der eigenen Kita auch noch den Gymnastikraum böten zwecks Ertüchtigung des just entdeckten Potenzials älterer Arbeitnehmer. Wenn Leistung nicht ständig nur verdichtet würde.

Solange allenfalls Ausnahmen für Dachdecker erwogen und die häufigen Stresssymptome in Büroberufen ignoriert werden, ist die Rente mit 67 nur ein kaltes Sparprogramm. So wird es im Volk auch verstanden: Fast 80 Prozent glauben nicht, dass sie 2020 noch alle eine ausreichende Rente haben. Dieses Land hat vergessen, was Altersarmut bedeutet - es kann es wieder lernen dank unausgegorener Modelle wie der Rente mit 67, 69, 71 folgende.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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