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VOR 50 JAHREN ...
Alexandra Haderlein
Legendäres Dementi

15. Juni 1961: Keine Absichtserklärung

Es ist ein Satz, der in die Geschichtsbücher einging: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten", sagte der DDR-Staatschef Walter Ulbricht bei einer Pressekonferenz vor über 300 internationalen Journalisten. Im Haus der Ministerien sollte eigentlich das deutsch-deutsche Verhältnis sowie die "freie Stadt" West-Berlin thematisiert werden.

Doch die Schlüsselfrage war eine andere: Der DDR lief die Bevölkerung davon. Allein 1960 flüchteten knapp 200.000 Bürger - zumeist über Berlin. Annamarie Doherr, Journalistin der Frankfurter Rundschau, sorgte mit ihrer Frage für das geschichtsträchtige Dementi: Ob die Bildung einer Freien Stadt die Errichtung der Staatsgrenze am Brandenburger Tor bedeute und ob Ulbricht entschlossen sei, "dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?", fragte sie und Ulbricht erklärte: "Ich verstehe Ihre Frage so, dass es in Westdeutschland Menschen gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Mir ist nicht bekannt, dass solche Absicht besteht." Der darauf folgende, oben zitierte Satz sollte die Aussage bekräftigen. Doch weder Doherr noch ein anderer Medienvertreter hatte zuvor von einer Mauer gesprochen.

Bis heute ist unklar, ob Walter Ulbricht unabsichtlich oder gar bewusst einen bereits bestehenden Plan verraten hatte, oder ob die Mauer lediglich als Sinnbild der Abschottung dienen sollte. Zwei Monate später, in der Nacht zum 13. August 1961, begannen die Streitkräfte der DDR, die Grenzen zwischen Ost- und West-Berlin sowie zwischen West-Berlin und der DDR abzuriegeln.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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