Inhalt

AUFGEKEHRT
Alexander Weinlein
Des Mannes Fleischeslust

Es war eine glückliche Epoche der Menschheitsgeschichte, als der deutsche Mann noch ungestraft Fleisch auf den Tisch bringen durfte. So streifte er beseelt durch die norddeutschen Tiefebenen auf der Jagd nach dem saftigen Mammut, stöberte schmackhaftes Schwarz- und Rotwild im Thüringer Wald auf und schoss so manchen fetten Bock von den Gipfeln der Alpen. Das wahre Mannesleben war ein einziges großes Barbecue.

Doch dann begann der Prozess einer schleichenden Unterdrückung männlicher Fleischeslust. Was zunächst als harmloses Sammeln von Waldbeeren begann, entpuppte sich über die Jahrhunderte als eine planmäßige Verschwörung ideologisierter und verweichlichter Körner- und Grünzeug-Apologeten, die den wahren Mann in Burger- und Steakhaus-Ketten ghettoisieren wollten.

Selbst revolutionäre Gegenbewegungen wie die konsequente alkoholische Vergärung all der Ackerbauprodukte verschafften nur bedingt neue Freiräume. Zu immer perfideren Mitteln griffen die apokalyptischen Vorreiter der grünen Revolution, schwadronierten und fabulierten von der Maul- und Klauenseuche, von Schweinepest, Vogelgrippe und Rinderwahn - alles nur, um Rheinischen Sauerbraten, Bayerischen Leberkäse und Pfälzer Spießbraten in Misskredit zu bringen.

Doch jetzt hat die Stunde der Rache geschlagen - all die hinterlistigen Verleumdungen haben sich ins Gegenteil verkehrt und werden die elenden Müslis in die Schranken weisen: Wer den Wind sät, wird den Sturm ernten. Überall im Land glühen wieder die Grillfeuer, stehen Buletten statt Tomate-Mozzarella auf der Speisekarte, T-Bone-Steaks statt Gurkencarpaccio, Boeuf Stroganoff statt frittiertem Rucola, Bratwurst statt Chinanudeln mit Sprossen. Und dazu gibt es allenfalls Folienkartoffeln mit Sauerrahm oder Pommes frites mit Ketchup. Wer braucht schon Tomaten?

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag