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AUFGEKEHRT
Tatjana Heid
Griechenland muss bleiben

Griechenland, ach Griechenland. Was soll nur aus Dir werden? Schulden, Arbeitslosigkeit, Proteste. Die EU eilt zur Rettung, manch einer wünscht sich das Land aus der Eurozone, in den Olymp oder hätte am liebsten gar nicht erst von ihm gehört.

Doch was haben wir den Griechen nicht alles zu verdanken? Als der Reeder Onassis Jackie Kennedy nach dem Tode ihres notorisch untreuen Ehemanns John F. Kennedy heiratete, begannen zahlreiche Frauen, wieder von dem Ritter in der strahlenden Rüstung zu träumen. Manch verzagter Schüler konnte mit Sokrates' Satz "Ich weiß, dass ich nichts weiß" zumindest beweisen, dass er über ein wenig humanistische Bildung verfügt. Ohne Griechenland hätte ihm das allerdings wenig gebracht: denn ohne die Griechen kein Gymnasium, kein Abitur, keine Karriere. Ohne Griechenland keine Olympischen Spiele und mit Eberhard Gienger auch kein Bronzemedaillengewinner in den Reihen des Bundestages. Ohne Griechenland hätte Udo Jürgens niemals seine Ode an den griechischen Wein schmettern können. Generationen von Psychologen würden noch immer nach einer adäquaten Bezeichnung für den Ödipus-Komplex suchen. Goethe hätte seinen zahlreichen unsterblichen Zitaten nicht "Unter allen Völkerschaften haben die Griechen den Traum des Lebens am schönsten geträumt" hinzufügen können. Oregano, Olivenöl, Ouzo - sie alle hätten den deutschen Multikulti-Mittagstisch nie bereichert. Es gäbe keine Akropolis, keinen Kanal von Korinth, kein Orakel von Delphi.

A propos Orakel. Dann ist da noch die Politik. Schon der Wortursprung der Demokratie ist griechisch: die Herrschaft des Volkes. Erstmals ausprobiert haben es - natürlich - die Griechen. Kein Griechenland: keine Demokratie, keine Politiker, kein Orakeln. Deutschland, was würde aus Dir werden?

Aus Politik und Zeitgeschichte

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