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Alexander Weinlein
Von Bundis und Bufdis

GESELLSCHAFT Der Start der neuen Freiwilligendienste gestaltet sich schwierig

Für die Bundeswehr war es ein einschneidendes Erlebnis. Am 20. Juli legten vor dem Reichstag in Berlin erstmals nur Rekruten ihr Gelöbnis ab, die sich freiwillig zur Fahne gemeldet haben. Rund 450 Freiwillige gelobten in Anwesenheit von Bundespräsident Christian Wulff und Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU), "der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen". Bereits die Zahlenverhältnisse zeigen, dass die Bundeswehr neuen Zeiten entgegen geht. Mit den 450 Rekruten vor dem Reichstag war bereits rund jeder achte Soldat vertreten, der zum 4. Juli seinen freiwilligen Wehrdienst angetreten hatte. Bundesweit haben sich im Sommer 3.419 junge Deutsche für sieben bis 23 Monate verpflichtet. Im Oktober sollen mindestens weitere 1.500 folgen.

Damit scheint de Maiziére sein angestrebtes Ziel, ein Kontingent von 5.000 Freiwilligen neben 170.000 Zeit- und Berufssoldaten unter Waffen zu halten, zu erreichen. Sein Vorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte noch die Zielmarke von 15.000 ausgegeben. Doch der neue Minister merkte nach seinem Amtsantritt schnell, dass dies wohl eher einem Wunschdenken entsprach und zog die Notbremse. Es sollen zwar genügend Mittel zur Verfügung gestellt werden, um jederzeit 15.000 Freiwilligen einen Dienstposten zu bieten, aber fest eingeplant sind nur noch 5.000.

In diesem Jahr kann die Bundeswehr personell noch aus dem Vollen schöpfen. Denn zu den Freiwilligen, die am 4. Juli in die Kasernen einrückten, gesellen sich nach Angaben des Verteidigungsministeriums rund 7.000, die ihren bereits vorher angetretenen verpflichtenden Wehrdienst zur Jahreshälfte verlängerten. Insgesamt habe die Bundeswehr seit Jahresbeginn rund 14.000 Freiwillige rekrutieren könne. Doch diese Zahl täuscht über die Realitäten hinweg, denn die Werbung aus den Reihen der alten Wehrpflichtleistenden fällt zukünftig weg, wie das Ministerium einräumt.

Im weiblichen Teil der Bevölkerung findet der Ruf nach Freiwilligen bislang so gut wie kein Gehör: Gerade mal 44 junge Frauen meldeten sich zum 4. Juli für den freiwilligen Wehrdienst - ein Anteil von knapp 1,3 Prozent. Gemessen an der Frauenquote von neun Prozent bei den Zeit- und Berufssoldaten ist das ein mageres Ergebnis.

Einige Probleme könnten der Bundeswehr auch daraus erwachsen, dass sie es ihren Freiwilligen in den ersten sechs Monaten gestattet, jederzeit wieder zu kündigen. Umgekehrt senkt es die Hemmschwelle bei den Jugendlichen, den Dienst anzutreten. An manchen Standorten sollen bis zu zehn, vereinzelt sogar 20 Prozent der Freiwilligen bereits wieder ins Zivileben zurückgekehrt seien. Im Bendlerblock quittiert man solche Zahlen bislang noch gelassen. Die Abbrecherquote bewege sich "im normalen Rahmen", heißt es dort. Auch in der Vergangenheit hätten Wehrpflichtige einen Antrag auf eine sogenannte Schnellentlassung stellen können, beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen oder weil sie kurz nach ihrer Einberufung einen Ausbildungsplatz erhielten. Rund neun Prozent der Rekruten seien auch früher schon vorzeitig aus dem Wehrdienst ausgeschieden, erläutert ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Deutlich größere Schwierigkeiten als de Maiziére scheint hingegen seine Kabinettskollegin Kristina Schröder (CDU) zu haben, ihre selbst gesetzte Zielmarke zu erreichen. Rund 35.000 Deutsche aus allen Altersstufen will sie für den neuen Bundesfreiwilligendienst (BFD) gewinnen. Doch die ersten Zahlen lassen Zweifel aufkommen, ob sich wirklich genug "Bufdis", wie die Freiwilligen in Anlehnung an die alten "Zivis" bereits jetzt heißen, finden. Zwar haben Anfang Juli rund 17.300 Freiwillige ihren Dienst angetreten, aber 14.300 von ihnen sind ehemalige Zivildienstleistende, die ihren Dienst verlängert haben - das gleiche Phänomen wie bei den uniformierten "Bundis". Das Ministerium betont zwar, dass die Zahlen höher seien, da noch nicht alle Meldungen über Dienstverpflichtungen vorlägen, doch der Abstand zu den angestrebten 35.000 "Bufdis" ist gewaltig.

Umstrittene Quote Dies liegt aber nicht daran, dass es an Freiwilligen für einen Dienst an der Gesellschaft mangelt. Für die ebenfalls 35.000 Plätze im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ), das von den Bundesländern angeboten wird, liegen rund 60.000 Bewerbungen vor. Deshalb will Ministerin Schröder jetzt umschichten und gab eine Quote vor, nach der auf drei besetzte FSJ-Stellen zwei besetzte BFD-Stellen kommen müssen - ansonsten fließen vom Bund keine Fördergelder für das FSJ. Die Wohlfahrtsverbände laufen bereits Sturm. Massive Kritik erntete Schröder für dieses Vorgehen auch von der bayerischen Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU): Das Bundesfamilienministerium "zerschießt das bewährte Freiwillige Soziale Jahr", hieß es recht giftig aus München.

Schon vor dem Start des Bundesfreiwilligendienstes hatten SPD, Grüne und Die Linke vor unnötigen Doppelstrukturen und einer gefährlichen Konkurrenz zwischen BFD und FSJ gewarnt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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