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Jörg Biallas
Out of Rosenheim: Bettina Kudla

Im Kinofilm "Out of Rosenheim" führt der Weg die oberbayerische Hauptdarstellerin in die kalifornische Wüste. Als Bettina Kudla 1990 ihre Heimatstadt München verlassen hatte, kam sie nach Halle an der Saale.

Damals war sie 28 Jahre, diplomierte Kauffrau, voller Tatendrang - und neugierig auf den Osten der Republik. Auch wenn der Bekanntenkreis damals eine Haltung zu ihren beruflichen Plänen formulierte, die Bettina Kudla heute abwägend als "durchwachsen" bezeichnet.

Sicherheit gaben ihr die Eltern. "Die haben die Wiedervereinigung sehr begrüßt und fanden es gut, dass ich nach Sachsen-Anhalt gegangen bin", erinnert sich die heutige Bundestagsabgeordnete der CDU.

Und dann ist sie da. In Halle, der Stadt, die von Einheimischen liebevoll "Diva in Grau" genannt wird. Der Fremde - westdeutsche zumal - kann darüber in jener Zeit allenfalls schmunzeln.

Angesichts einer zwar beeindruckend schönen, aber leider im ganz überwiegenden Teil verfallenen oder zumindest im Niedergang befindlichen historischen Bausubstanz.

Angesichts des Gestanks, der von den nahen Standorten der chemischen Industrie fast ständig über die Stadt weht.

Angesichts einer Saale, die weitgehend leblos wie unangenehm riechend vor sich hin fließt und den alten vom neuen Stadtteil trennt.

All das lernt Bettina Kudla als jemand kennen, der jetzt hier lebt. Quartier nimmt sie in einem ehemaligen Arbeiterwohnheim. Das ist "relativ bescheiden", erfüllt aber seinen Zweck. Die Arbeit, die sich vor allem um betriebswirtschaftliche Beratung und Prüfung kommunaler Unternehmen dreht, lässt eh nicht viel Raum für Freizeitgestaltung.

"Anfangs gab es natürlich schon Berührungsängste zwischen Ost und West", sagt sie. Ausführliche Gespräche mit Berichten über die eigenen Biografien helfen, sich gegenseitig zu verstehen. Schnell ist für sie klar: "Es war der große Fehler des Westens, dass man sich viel zu wenig für das Leben in der DDR interessiert hat." Apartheid in Südafrika oder Freiheitskämpfe in Südamerika, darüber habe man an der Universität diskutiert. "Aber was die Leipziger Bürgerrechtler machten, interessierte niemanden", sagt Bettina Kudla.

Die heute 49-Jährige wird in Halle Steuerberaterin, dann Wirtschaftsprüferin. Später, nach mehr als zehn Jahren an der Saale, geht sie als Stadtkämmerin wieder in ihre oberbayerische Heimat, nach Rosenheim am Inn.

2005 kommt sie "out of Rosenheim" zurück in den Osten. Der Ruf als Bürgermeisterin und Beigeordnete für Finanzen in Leipzig hat sie ereilt. "Dem bin ich gern gefolgt", sagt sie. Zwischen Halle und der Sachsen-Metropole, in der sie auch ihren Wahlkreis hat, liegt zwar eine Landesgrenze. Trotzdem ist es nur ein Katzensprung. Auch deshalb ist Bettina Kudla gern zurückgegangen nach Mitteldeutschland, das mittlerweile so viel anders daherkommt als bei ihrer ersten Begegnung mit der Region vor 20 Jahren.

Sicher, auch heute noch gebe es "vereinzelt die Mauer in den Köpfen", sagt Bettina Kudla. Warum das so ist? "Nun", formuliert die Christdemokratin nachdenklich, "natürlich ist zum Beispiel die Abwanderung vor allem für die älteren Menschen ein Problem, wenn die jungen weg sind." Oder es mangelt an persönlichen Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt.

Da werden dann oft voreilig einfache Erklärungen bemüht, statt auf Abhilfe zu sinnen. "Wir brauchen etwa mehr Nachwuchs in den politischen Parteien, damit weiter an der Verankerung der Demokratie gearbeitet wird." Dazu gehörten auch Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein müssten: "Zum Beispiel zur Wahl zu gehen oder mit den Kindern über die historischen Ereignisse zu sprechen, die zum Untergang der DDR geführt haben."

Für Bettina Kudla, seit 2009 im Bundestag und dort neben dem Finanz- auch im Europa-Ausschuss tätig, jedenfalls ist klar: "Ich fühle mich als Leipzigerin." Eine Sächsin mit bayerischem Akzent - viele Wege führen "out of Rosenheim".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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