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Jürgen Engert
»Die machen den Laden dicht!«

MAUERBAU Die Insel West-Berlin hatte sich trotz allem als Festland gefühlt - bis zum 13. August 1961

Sonntag, 13. August 1961. Ausschlafen! Telefonklingeln schreckt auf. Die Redaktion. Die Stimme des Chefs vom Dienst. "Dalli, dalli! Es geht los! Die machen den Laden dicht!" Am 31. Juli 1961 hatte die Zeitung die Schlagzeile gehabt: "Verzweiflungsplan Pankows: Sektorengrenze abriegeln." Ein guter Plan ist ein Plan, der geht. Heißt es in der DDR. Ein solcher Plan aber geht nicht. Glaubten wir. Und glaubten Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister, und die Seinen im Rathaus Schöneberg nebst den Oberen der Westmächte in der Stadt. Ost-Berlin gegenüber der DDR schließen: Das ist möglich. Eine Befestigungsanlage durch die Stadt ziehen, Häuser Ost, der Fußweg davor West: unmöglich.

Es ist gegen fünf Uhr morgens. Ich fahre in den Verlag. Die Straßen sind leer. Die Stadt schläft noch. Ihre Bewohner ahnen nicht, was ihnen nach dem Aufstehen bevorsteht. Die Meldungen in der Redaktion: Bruchstücke. Sie ergeben kein ganzes Bild. Ein Ost-Berliner ruft an: "Die lassen keinen mehr durch! Ich bin zwischen ihnen durchgerannt. Und Bajonette haben sie auf den Gewehren! Und jetzt bin ich hier, für immer!"

Kurz ist die Strecke zwischen der Redaktion in der Potsdamer Straße und dem Potsdamer Platz. Verkehrsreichster Platz Europas. Das war einmal. Heute: Ödnis Ost, Ödnis West, ineinander übergehend. Mit einer Grenze, die man vor 24 Stunden noch übersehen und überlaufen konnte.

Auf dieser Demarkationslinie treiben Presslufthammer Löcher in den Boden. Betonpfähle werden eingesetzt. Mit Stacheldraht verbunden. Die Pioniere schwitzen. Sie arbeiten schnell an diesem warmen Sommertag. Sie und wir werden bewacht. Von Soldaten. Das Gewehr über der Schulter. Wir, die Augenzeugen, und sie, die Armierten, auf Tuchfühlung zueinander. Die Frau neben mir sagt zu einem Soldaten: "Wisst ihr eigentlich, was ihr da macht?" Sie hebt nicht die Stimme, sie spricht nicht energisch, nicht zornig, die Stimme der Frau ist ruhig und traurig. Sie will nicht zur Rede stellen, sie will offenkundig keine Antwort. Ein Selbstgespräch. Der Soldat schaut die Frau nicht an, er schaut zu Boden. Er müsste nur einen Schritt tun, einen kleinen, und er wäre in West-Berlin und der Befehle ledig. Er bleibt auf seinem Posten.

Es dauert eine Weile, bis ich begreife, was da vor mir geschieht. Durch Berlin hindurch wird eine Aussperrung vollzogen. Provisorisch noch, noch keine Ziegel, noch kein Beton. Aber bereits militant-manifest. Das Unfassbare, weil das Gewohnte überwältigend - ungezählte Male über den Potsdamer hin und den Potsdamer zurück - muss erst einmal begriffen werden. Bis gestern war Berlin noch ein Organismus. Defekt zwar an allen Ecken und Enden, ohne gemeinsamen Strom, ohne gemeinsames Wasser, ohne gemeinsames Telefon, aber immerhin. Man lebte in dem Krieg, dem kalten, der dem heißen auf dem Fuße folgte, zwar unter verschiedenen Feldpostnummern, dennoch: Die Familie lebte zusammen. Nun wird Berlin unorganisch.

Ich gehe zur nahen Halbruine des Hotels "Esplanade" vorbei. Ein Treffpunkt der Verschwörer war es, die Hitler töten wollten am 20. Juli 1944. Mir kommt das Foto von dem kleinen jüdischen Jungen in den Sinn. Seine Hände auf dem Stacheldraht des Warschauer Gettos. Bismarck hat einmal gesagt, die Geschichte sei in ihren Revisionen genauer als die preußischen Oberrechnungskammern. Der 13. August 1961: Ein Datum, das ein Ereignis markiert. Das aber hat einen Vorlauf.

In der Straße des 17. Juni. Volksaufstand in der DDR vor acht Jahren. Es wurde geschossen. Auch von den Russen. Es gab Tote. Was ist geblieben? Der Name für eine Straße. Und das Vergeblichkeitsbewusstsein von Menschen in der DDR. Abhauen als Ausweg. Tags zuvor, am 12. August, sind wieder mehr als tausend Flüchtlinge in West-Berlin registriert worden.

Vor dem Brandenburger Tor: Ein Symbol des Friedens hatten sie im Sinn, die Erbauer im 18. Jahrhundert. Heute: Aufgereiht Männer in braunen Uniformen. Sie klammern sich an Maschinenpistolen, die sie vor der Brust halten. DDR-Betriebskampfgruppen. Postiert in vorderster Linie, die nun eine Front ist. In ihrem Drillich erscheinen sie verkleidet. Die Hemden unter den Jacken verschieden. Offenkundig aus dem häuslichen Wäscheschrank. Schuhe und Sandalen auch aus eigenem Bestand. Eine Neuauflage des Volkssturms. Rekrutiert nach dem 17. Juni 1953 aus Betrieben und Büros. Auffallend viele Sonnenbrillen. Schau mir in die Augen, Kämpfer… da aber sind dunkle Gläser vor. Sie entpersönlichen. Sie machen anonym. Übrig bleibt der Funktionär. Ein Glied im System der Herrschaft. Würden diese komischen Figuren hier an der Grenze zu West-Berlin schießen? Hinter ihnen, in den Durchfahrten des Brandenburger Tores, Schützenpanzer. In den geöffneten Luken Soldaten unter Stahlhelmen, die mit Feldstechern die Straße des 17. Juni beobachten. Plötzlich durchbricht ein junger Mann die Front. Er stürzt, rappelt sich wieder auf. Und schafft es auf die Westseite. Die Menge klatscht, sie jubelt. Reporter umringen den ersten Flüchtling am Brandenburger Tor. Er habe sich als Spaziergänger unter den Linden getarnt und dann sei er einfach losgelaufen: "Das haben die nicht erwartet, die waren total perplex." Der junge Mann strahlt. Und die um ihn herum strahlen mit. Endlich ein Triumph. Über die Panzerwagen, die Maschinenpistolen, die Gewehre. Der Triumph aber ist keiner. Es ist nur eine Episode. Der erste Flüchtling am Brandenburger Tor wird der letzte sein.

Wenige werfen Steine

Je länger der Tag dauert, desto mehr West-Berliner sind auf den Beinen. Ihr Ziel: die Grenze. Hier schauen sie auf das Gesicht ihrer Stadt, das vertraute, das plötzlich fremde Züge vorweist. Was kann Ohnmacht in Anbetracht von so viel Macht tun? Sie kann reimen: "Es hat alles keinen Zweck, der Spitzbart, der muss weg!" Das Feindbild wird personifiziert: Walter Ulbricht. Der Ruf pflanzt sich fort. Am nächsten Tag werden wir ihn in der Zeitung zitieren. Als Volkes Stimme.

Die West-Berliner Insel hat sich als Festland gefühlt. Trotz allem. Dieses Gefühl ist verschwunden. In der Menge der Tausenden wird debattiert. Blockade 1948/1949, Chruschtschow-Ultimatum 1958, (da wollten sie uns schon vogelfrei machen!) und nun? Es geht den Leuten nicht nur um die Abspaltung Ost-Berlins und der DDR. Nein, sie ängstigen sich um ihre eigene Zukunft. Wo sind denn die Amerikaner, die Engländer, die Franzosen? Ihre Kasernen bleiben geschlossen. Keine Patrouille lässt sich sehen. Die West-Berliner Polizei ist beauftragt, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Im Schock dieses Tages aber gibt es bei der Mehrheit keine Ausbrüche. Nur wenige werfen Steine auf DDR-Grenzsoldaten, nur wenige versuchen den Stacheldraht nieder zu trampeln.

Am Brandenburger Tor treffe ich auf einen britischen Diplomaten. Wir kennen uns. Bei einem unserer Gespräche kürzlich in seinem Haus hatte er gesagt, man müsse alles vermeiden, was zu einem Krieg mit der Sowjetunion führen könnte. Das sei die absolute Maßgabe für die Berlin-Politik. Mit der Stimmung vor dem Brandenburger Tor ist der Diplomat zufrieden. "Man kann eine Schlacht verlieren, den Krieg aber gewinnen." Schreiben werde ich den Satz nicht. Er steht gegen das Gefühl, das sich nach Aktionen sehnt. Er würde als Kapitulation gelesen. Der Journalist als Politiker.

Rathaus Schöneberg. Im Büro von Heinrich Albertz, Chef der Senatskanzlei und enger Vertrauter des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt. Albertz zieht an seiner Pfeife: "Der Vorhang ist weg und die Bühne ist leer." Und die Westmächte? "Für die ist heute Sonntag und morgen Montag."

Am Abend in der Sondersitzung des Berliner Abgeordnetenhauses. Willy Brandt hat seine Wahlkampfreise als SPD-Kanzlerkandidat abgebrochen. Nun muss er reden. Ein Balanceakt sondergleichen. Der Politiker als Psychologe. Er muss anklagen, gleichzeitig Empörung, Wut, Depression auffangen und kanalisieren. Verfügbar ist nur die Rhetorik. Mehr kann der Regierende Bürgermeister nicht bieten. Seine Hände sind leer. Was Brandt aber besitzt: ein fast unbegrenztes Vertrauenskapital bei den West-Berlinern. Vor diesem Hintergrund wird er zu ihrem Lautsprecher: "Noch ist nicht aller Tage Abend." Beim Verlassen des Plenarsaals sagt ein Kollege zu mir: "Nur dem Hoffenden blüht das Unverhoffte."

Der Autor, langjähriger Chefredakteur des SFB-Fernsehens und Gründungsdirektor des ARD-Hauptstadtstudios Berlin, war 1961

Redakteur bei der West-Berliner

Boulevard-Zeitung "Der Abend".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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