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Susanne Kailitz
Mit dem Roten Kreuz zurück nach Osten

13. AUGUST 1961 Zwei DDR-Bürger zogen aus dem Mauerbau gegensätzliche Konsequenzen

Als die Mauer gebaut wurde, waren weder Paula Möbius noch Hartmut Richter dort, wo sie nach Ansicht der DDR-Führung eigentlich hätten sein sollen: Während die damals 20-jährige Möbius mit ihrer Mutter Urlaub in Köln machte, verbrachte der zwölf Jahre alte Richter seine Ferien wie üblich bei Verwandten in West-Berlin.

"Wir wollten eigentlich schwimmen gehen", erinnert er sich, "es war ja heiß." Dann aber habe man überall gehört, dass die DDR die Grenzen dicht gemacht habe. "Da sind wir natürlich zur Bernauer Straße gegangen." Was Richter dort sah, sollte ihm für den Rest seines Lebens im Gedächtnis bleiben: Soldaten, die mit Gewehren und Hunden entlang der Sektorengrenze standen, Arbeiter, die mit Stacheldraht die Straße zerschnitten. Seltsam sei das natürlich gewesen, sagt Richter, aber noch nicht wirklich bedrohlich: "Wir haben doch gedacht, das wäre eine vorübergehende Sache."

Erste Zweifel

Drei Tage später wurde er vom Roten Kreuz zu seinen Eltern nach Ost-Berlin gebracht. "Meine Verwandten hätten mich zwar bringen können, aber von denen wollte keiner mehr in den Ostteil." Seine Heimkehr empfand er nicht als Gang ins Gefängnis: "Das war doch mein Zuhause." Erst als die Lehrer ihm und seinen Mitschülern nach den Ferien erklärt hätten, der "antifaschistische Schutzwall" sei gebaut worden, um die DDR vor den imperialistischen Feinden zu schützen, seien ihm erste Zweifel gekommen.

Paula Möbius erfuhr vom Bau der Mauer aus dem Radio. "Mein erster Gedanke war: Die sind verrückt. Und der zweite: Das bleibt nicht so." Doch trotz allen Unglaubens habe sie die Argumentation für die Mauer in gewisser Weise nachvollziehen können. "Ich habe doch erlebt, wie die DDR langsam ausgeblutet ist, wie immer mehr Ärzte und Ingenieure von heute auf morgen auf einmal weg waren. Ich habe das damals nicht als Maßnahme gegen das Volk empfunden." Im Westen zu bleiben, erwog sie keine Sekunde. "Das kam gar nicht in Frage, immerhin hatten zwei meiner Professoren dafür gebürgt, dass ich wiederkommen würde."

Möbius und Richter mussten feststellen, dass das, was sie zunächst für eine temporäre Sache gehalten hatten, nicht verschwand - und reagierten unterschiedlich. Möbius richtete sich in der DDR ein, brachte ihr Studium zu Ende und wurde Lehrerin. "Für viele war das Eingesperrtsein so furchtbar, weil sie den Westen gar nicht kannten und sich darunter so etwas wie das Paradies vorstellten. So ging es mir nie, ich hatte ja vorher bei meinen Verwandten gesehen, dass sie auch nicht im gelobten Land lebten." Richter war das egal: Je länger die Mauer stand, desto stärker wurde in ihm der Wunsch, auszubrechen. "Die ersten konkreten Fluchtgedanken hatte ich mit 15." 1966 wurde er beim Fluchtversuch verhaftet, wenig später gelang es ihm, durch den Teltow-Kanal nach West-Berlin zu entkommen.

Den 9. November 1989 erlebten Möbius und Richter somit in unterschiedlichen Teilen Deutschlands. Das Glücksgefühl, das sie beim Fall der Mauer empfanden, dürfte jedoch gleich gewesen sein.

Die Autorin ist freie Journalistin in Dresden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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