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Ernst Elitz
Lücke im Eisernen Vorhang

EXODUS Politische Repression und wirtschaftlicher Mangel trieben unter dem Ulbricht-Regime Millionen DDR-Bürger in den Westen. Bis zum Bau der Mauer war das geteilte Berlin das letzte Schlupfloch aus dem Sozialismus

Als im August 1961 die Flüchtlingszahlen in Berlin Tag für Tag neue Rekorde brachen, war die Abschottung der 1.381 Kilometer langen Demarkationslinie zwischen Ost- und Westdeutschland schon vollzogen - vorerst ohne Todesstreifen und Selbstschussanlagen. Berlin war der letzte Notausgang aus dem Sozialismus. Stromnetz, Telefonverbindungen und Wasserversorgung innerhalb der Stadt waren bereits getrennt. Und mit dem Bau eines Eisenbahn-Außenringes hatte die SED Sorge getragen, dass der DDR-interne Bahnverkehr nicht länger durch West-Berlin geführt werden musste. Damit waren die technischen Voraussetzungen für die Abkapselung West-Berlins schon vor dem 13. August gegeben.

Offene Grenze

Den Fluchtweg über die kaum kontrollierte, 45 Kilometer messende Berliner Sektorengrenze hatten bis zum Mauerbau Millionen Menschen gewählt. Wer hier flüchten wollte, ging unter im Großstadt-Gewusel. U- und S-Bahnen fuhren im Fünf-Minuten-Takt zwischen Ost und West, Ost-Berliner kauften im Westen, West-Berliner im Osten; "Grenzgänger" fuhren täglich zur Arbeit in den Westteil der Stadt. Berlin hatte eine offene Grenze.

Jede weltpolitische Erschütterung schlug sich in den Fluchtstatistiken nieder. Stalins Bemühungen, nach dem Sieg über Hitler-Deutschland das gewonnene Einflussgebiet mit der Blockade West-Berlins, dem Sturz des Prager Präsidenten Eduard Benesch und dem Korea-Krieg abzurunden, der Wechsel von der harten Linie Stalins zu seinen noch unsicheren Nachfolgern, das Kräftemessen von Kreml-Chef Nikita Chruschtschow mit US-Präsident John F. Kennedy - jedes Knirschen zwischen den Blöcken verstärkte die Repression in der DDR.

Die erste Welle traf Bürgerliche und Sozialdemokraten, die sich nicht dem Herrschaftsanspruch der Einheitspartei beugen wollten. Ihre Alternativen waren: Zuchthaus oder Flucht. Ihnen folgten Anfang der 1950er Jahre Bauern, die sich der Aufnahme in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften widersetzten und Strafen gewärtigen mussten, weil sie bei ungünstiger Witterung ihr Ablieferungssoll nicht erfüllen konnten. Jahre später, nach der Enteignung kleiner und mittlerer Industrie- und Handwerksbetriebe und der letzten Welle der Kollektivierung, sahen viele der Betroffenen wieder nur einen Ausweg - den nach West-Berlin. Zurück blieb wachsender Unmut mit dem Regime, das alle Kraft auf die Schwerindustrie konzentrierte. Konsumgüter blieben knapp. Als die Nach-Stalin-KPdSU der deutschen Bruderpartei empfahl, ideologische Zwänge zu lockern und die Lebensverhältnisse zu bessern, konnte die SED sich zwar für den Rat, aber nicht für materielle Hilfe bedanken. Die prekäre Lage in der UdSSR schloss einen erweiterten Gütertransfer aus.

Die SED war verunsichert. Der ständige Aufruf der Wiedervereinigungsagenda auf internationalen Konferenzen - selbst wenn er häufig nur rhetorisch gemeint war - lädierte ihren Ruf. Jede Forderung nach freien Wahlen ließ die Funktionäre erstarren. Mochten auch Initiativen wie die Stalin-Note von 1952, die Deutschland als "einheitlichen, unabhängigen, demokratischen und friedliebenden Staat" wiederherzustellen vorschlug, nur taktische Manöver sein, so nährten sie doch den Eindruck, die Herrschaft der SED sei eine Herrschaft auf Abruf. 1951 hatte die UN-Vollversammlung die Prüfung von Wahlvoraussetzungen in beiden Teilen Deutschlands gefordert. Am 17. Juni 1953 rissen Ost-Berliner Arbeiter die rote Fahne vom Brandenburger Tor und forderten die Einheit Deutschlands. Der Einheitswunsch war lebendig geblieben.

Auch die ideologischen Schwankungen im kommunistischen Bruderland verunsicherten die SED. Nach Stalins Tod 1953 hatte der Chef der Sowjetischen Kontrollkommission in Berlin, Wladimir Semjonow, den deutschen Genossen Selbstkritik angeraten. Doch angesichts der steigenden Unzufriedenheit über mangelhafte Versorgung und Normerhöhungen steuerte die SED-Führung keinen neuen, sondern einen verworrenen Kurs: erst gesprächsbereit, dann unnachgiebig, zu spät zu Kompromissen gestimmt. So wurde der durch die Sowjets niedergeschlagene Juni-Aufstand von 1953 zu einer Niederlage der SED. Walter Ulbricht reagierte verhärtet. Chruschtschows Forderung nach Entstalinisierung ließ er solange an sich abprallen, bis Moskau, gewarnt durch den Ungarn-Aufstand von 1956, der Tauwetter-Periode ein frühes und kaltes Ende bescherte. Fachkräfte, die in der geistigen Enge der DDR für sich keine Zukunft sahen, gingen in den Westen. Der Sozialismus verlor sein wichtigstes Kapital - die Intelligenz.

Explosive Atmosphäre

Für Ulbricht stand der Klassenfeind vor der Tür. Hassobjekt war und blieb West-Berlin. Dieser Ort war der Inbegriff antisozialistischen Diversantentums, an dem sich alles versammelte, was dem "ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden" zu schaden trachtete: westliche Agentenzentralen, eine freie Presse, jedwede Art von Dekadenz, volle Schaufenster, eine gegen die SED-Ideologie immune Bevölkerung. Von West-Berlin aus sendete der RIAS, DDR-Bürger konnten die hier erscheinenden Zeitungen für Ostgeld erwerben und vom Flughafen Tempelhof in die Bundesrepublik fliegen. Vor allem aber konnten sie sich durch diese Lücke im Eisernen Vorhang dem Machtanspruch der SED entziehen - auf Zeit oder auf Nimmerwiedersehen.

Die "Trockenlegung dieses Sumpfes" war mit der Blockade 1949 gescheitert. Auch Chruschtschows Berlin-Ultimatum von 1958, nach dem der Westteil der Stadt binnen sechs Monaten in eine selbstständige politische Einheit umzuwandeln sei, blieb ohne Folgen. Aber während des Kräftemessens zwischen Chruschtschow und Kennedy, das die Welt in der Kuba-Krise an den Rand des Atomkriegs führte, eröffnete sich für die SED die Chance, West-Berlin als Fluchtort zu neutralisieren - durch den von Ulbricht ein paar Tage vor dem 13. August 1961 noch geleugneten Mauerbau. Die weltpolitische Atmosphäre war explosiv. Angesichts amerikanischer Raketen an den Grenzen des Warschauer Pakts und sowjetischer Stellungen auf Kuba signalisierte jede Seite ihr endgültiges "Bis hierher und nicht weiter". Kennedy hatte Ende Juli noch einmal die US-Essentials für West-Berlins Sicherheit definiert: unveränderter Status der Stadt, Anwesenheit der drei Westmächte, sichere Verkehrswege zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik. Die Freiheit der DDR-Bürger, West-Berlin aufzusuchen, war nicht dabei. Die Mauer wurde gebaut. Die Alliierten griffen nicht ein. Die SED konnte sich mit Beton einen Aufschub für die Wiedervereinigung erkaufen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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