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Alexander Heinrich
Spätes Placet

VORSPIEL Lange warb die DDR-Führung in Moskau vergeblich für den Mauerbau. Erst im Sommer 1961 dachte der Kreml um

Die Lage ist besorgniserregend, der Ton des Gesprächs ist barsch: "Beim Mais bin ich Fachmann", rüffelt Kreml-Chef Nikita Chruschtschow den Genossen Walter Ulbricht am Telefon, "Sie dagegen akzeptiere ich nicht als solchen."

Im Gespräch der beiden Staats- und Parteichefs am 1. August 1961 geht es um Missernten, um Fachkräftemangel und die schwierige wirtschaftliche Situation im kleinen Bruderstaat DDR. Das Wirtschaftswachstum bleibt weit unter den Erwartungen, Rohstofflieferungen stocken, es fehlt an Stahl und Chemikalien und in den Geschäften bleiben die Gemüseregale leer. Monat für Monat kehren Zehntausende junge und vor allem gut ausgebildete Menschen über die offene Sektorengrenze in Berlin der DDR den Rücken: Mediziner, die fürchten, keine eigene Praxis eröffnen zu dürfen. Abiturienten, die die Sorge umtreibt, als Kinder von Akademikern keinen Studienplatz zugeteilt zu bekommen. Ingenieure, die hautnah in den Betrieben erfahren, wie die Theorie an der Praxis scheitert. Der SED-Führung läuft das Volk davon. Zu allem Überfluss droht die DDR in die Schuldenfalle zu tappen, wie Ulbricht im Telefonat mit Chruschtschow kleinlaut einräumen muss. "Als ich vor zwei Jahren an eurem Parteitag teilgenommen habe, war alles in Ordnung. Was ist denn da passiert?" fragt der Mann im Kreml ungehalten. "Ihr wolltet doch die BRD bis 1961/62 überholen?"

Der Stacheldraht ist da

Für die DDR-Führung ist im Sommer 1961 klar, dass es so nicht weitergeht. Mit dem Ziel, den Menschen eine wirtschaftliche Perspektive in der DDR zu bieten, ist die SED gescheitert. Was bleibt, ist die Abriegelung des letzten Schlupflochs in den Westen - der Grenze zwischen Ost- und West-Berlin. Fast beiläufig kommt Ulbricht auf dieses Thema zu sprechen: "Jetzt zur Schließung der Grenze. Welcher Termin ist der beste? Was machen wir in dieser Frage?" Nach einigem Hin und Her antwortet Chruschtschow: "Führt das durch, wann ihr wollt, wir können uns jederzeit darauf einrichten."

Selbst technische Details werden besprochen. Wie denn die Kontrolle auf den Straßen organisiert werde, die sowohl in Ost- und in West-Berlin liegen, will der mächtige Kremlherrscher wissen. "In den Häusern, die Ausgänge nach West-Berlin haben, werden diese vermauert", antwortet der SED-Chef. "An anderen Stellen werden Stacheldrahthindernisse errichtet. Der Stacheldraht ist bereits angeliefert. Das kann alles sehr schnell gehen." Spätestens Anfang August 1961 hat Ulbricht erreicht, wofür er seit Monaten bei den Warschauer-Pakt-Staaten und vor allem in Moskau geworben hatte.

Der Entscheidung, die deutsche Teilung durch eine Grenze mitten durch Berlin zu besiegeln, ist ein drei Jahre währendes Tauziehen um die Stadt vorangegangen - nicht nur zwischen den beiden Supermächten, sondern auch zwischen der SED-Führung und dem Kreml. West-Berlin war vorgeschobener Posten der westlichen Welt, das "Schaufenster der Freiheit", wie US-Präsident John F. Kennedy formulierte. Aus Sicht der SED und Moskaus war der Westteil der Stadt beständiger Stachel im Fleische, eine Promenade, auf der wachsender westlicher Wohlstand vorgeführt wurde, ein Tummelplatz der Geheimdienste, Bühne obendrein für westalliierte Militärpräsenz inmitten des sozialistischen Herrschaftsgebietes.

Mit dem Berlin-Ultimatum im November 1958 verbanden Chruschtschow und Ulbricht die Hoffnung, die DDR zu stabilisieren und die Alliierten zum Abzug zu bewegen. Ganz Berlin sollte eine entmilitarisierte "Freie Stadt" werden, was über kurz oder lang die Eingliederung West-Berlins in die DDR bedeutet hätte, mindestens aber eine isolierte Inselstadt, umstellt von sowjetischen Truppen, abhängig vom Ostblock. Die Westmächte lehnten dies entschieden ab. Sie ließen sich auch nicht durch Moskaus Kriegsdrohungen beeindrucken. Das Ultimatum verstrich ohne Folgen.

Neues Ultimatum

1961 spitzte sich die Lage erneut zu. Bei einem Treffen mit Kennedy Anfang Juni in Wien erneuerte Chruschtschow sein Ultimatum und drohte, mit der DDR einen Friedensvertrag abzuschließen. Das würde unter anderem bedeuten, dass die West-Alliierten mit der DDR-Regierung über die Zufahrtswege von und nach West-Berlin verhandeln müssten. Für die USA, Frankreich und Großbritannien war das unhaltbar. Kennedy blieb beim Wiener Gipfeltreffen dementsprechend unnachgiebig. Am 25. Juli 1961 stellte der US-Präsident in einer Fernsehansprache unmissverständlich klar, dass die Alliierten West-Berlin nicht aufgeben werden. "Das können wir nicht zulassen", sagte Kennedy und formulierte drei nicht verhandelbare Grundsätze, die "drei Essentials": die Präsenz der alliierten Truppen im Westteil, der ungehinderte Zugang zur Stadt und schließlich die Sicherheit und Freiheit der Bewohner West-Berlins. Der US-Präsident ließ keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit. Aber er signalisierte zwischen den Zeilen, dass sich der Westen mit dem Status quo der geteilten Stadt abfinden konnte - solange nur die Garantien für West-Berlin unangetastet blieben.

War damit der Weg frei für eine Abriegelung der Sektorengrenze in der Stadt? Bereits im Oktober 1960 kabelte die sowjetische Botschaft in Ost-Berlin, dass "unsere Freunde" von der SED "die Möglichkeit prüfen, den Exodus der DDR-Bevölkerung über West-Berlin zu unterbinden. Eine der Maßnahmen könnte die Unterbindung der Bewegungsfreiheit zwischen den Sektoren sein". Der Kreml sah sich veranlasst, Ulbricht vor einseitigen Schritten zu warnen. Der SED-Chef drängte auf entschlossene Maßnahmen, Chruschtschow mahnte zur Zurückhaltung. Die US-Historikerin Hope Harrison sieht denn auch die SED als treibende Kraft hinter dem Mauerbau. Ulbricht habe Wirtschaftsdesaster und Massenflucht geschickt genutzt, um dem Kreml-Chef seinen Willen aufzuzwingen, schreibt sie in ihrem Buch "Ulbrichts Mauer" (siehe Seite 17).

Wann und unter welchen Umständen die Entscheidung zur Abriegelung der Sektorengrenze fiel, ist heute, ein halbes Jahrhundert später, umstritten. Noch im März 1961 stieß die SED mit diesem Ansinnen auf Granit: Die Staaten des Warschauer Paktes lehnten eine endgültige Teilung Berlins ab. Auch in der Frage eines Friedensvertrags zwischen der Sowjetunion und der DDR mussten sich die Genossen in Ost-Berlin von Chruschtschow vertrösten lassen. Ulbrichts berühmten Satz auf der Pressekonferenz am 15. Juni 1961, "niemand" habe "die Absicht, eine Mauer zu errichten", hält der Historiker Gerhard Wettig deshalb für "hingenommene Realität". Der SED-Chef muss der Linie Moskaus folgen. Und die sieht keine Grenzschließung vor. Noch nicht.

Wettigs Kollege Manfred Wilke beschreibt in diesem Zusammenhang ein Umdenken im Kreml in den Sommermonaten des Jahres 1961. Chruschtschow konnte sich in der Berlin-Frage nicht gegen die West-Allliierten durchsetzen und sah in der Grenzschließung einen Ausweg. Eine Mauer zwischen Ost- und West-Berlin bot aus seiner Sicht den Charme, weder die "drei Essentials" für West-Berlin noch die alliierten Rechte zu verletzen. Eine dichte Grenze würde die Massenflucht schlagartig beenden, ein Ausbluten der DDR abwenden und die SED-Herrschaft stabilisieren.

Aktion Rose

Anfang August 1961 unterbreiteten die Warschauer-Pakt-Staaten auf ihrem Treffen in Moskau der DDR den Vorschlag, "an der Westberliner Grenze eine solche Ordnung einzuführen, durch die der Wühltätigkeit gegen die Länder des sozialistischen Lagers zuverlässig der Weg verlegt ... und eine verlässliche Bewachung und eine wirksame Kontrolle gewährleistet wird". Zu diesem Zeitpunkt waren die Vorbereitungen zur "Aktion Rose" schon in vollem Gange. Ende Juli trafen sich Generäle der Sowjetarmee und der Nationalen Volksarmee, um die Sicherung der Sektorengrenze zu besprechen. Kurz darauf wies der DDR-Innenminister die Grenzpolizei an, den Ausbau der Grenze unter strengster Geheimhaltung vorzubereiten.

Nun ging es Schlag auf Schlag: Am 7. August legte das Politbüro den konkreten Zeitplan fest, am 11. August billigte die Volkskammer Maßnahmen des DDR-Ministerrates zu Fragen "des Kampfes gegen den Menschenhandel", während der Ministerrat erst am Abend des 12. August von Ulbricht im Sommerhaus am Döllnsee Konkretes erfuhr und den beschlossenen "Maßnahmen" lediglich noch formell zustimmen durfte. Kurz darauf gab Ulbricht den Befehl zur Abriegelung der Sektorengrenze, Erich Honecker koordinierte als aufstrebender ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen die Aktion aus dem Ost-Berliner Polizeipräsidium. Am 13. August 1961 war das letzte Schlupfloch aus der DDR verschlossen.

Ulbrichts Erfolg ist zugleich das Eingeständnis einer Niederlage. Vor den Augen der Welt machte der Mauerbau deutlich, dass die These von der Überlegenheit der DDR im Systemwettstreit bei offener Grenze nicht haltbar war. Er half auch nicht, die selbst gesteckten Ziele zu erreichen: Es gab keinen Friedensvertrag zwischen Sowjetunion und DDR, die Alliierten behielten ihre Rechte in West-Berlin, die DDR erreichte ihre faktische Anerkennung erst ein Jahrzehnt später. Überdies blieb die Mauer für die SED-Führung eine schwere Hypothek - finanziell, politisch, moralisch. Chrusch-tschow hatte Ulbricht in dem Telefonat am 1. August 1961 klar vorausgesagt: "Wenn ihr die Grenzen schließt, dann werden die Schwierigkeiten davon nicht verschwinden."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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