Inhalt

Jochen Thies
Der Westen blieb im Sommerurlaub

REAKTIONEN Wie Frankreich und Großbritannien ließen die USA den Sowjets im Ost-Sektor Berlins freie Hand. Selbst Bonn protestierte nur verhalten

Europa befand sich in den Sommerferien, als in Berlin am 13. August 1961 mit dem Bau der Mauer begonnen wurde. Kein westlicher Staatsmann brach seinen Urlaub ab. Aus heutiger Sicht unvorstellbar, ließen auch in der Bundesrepublik die Reaktionen lange auf sich warten. Zwar hatte der BND Anfang August die Regierung darauf hingewiesen, dass das DDR-Regime auffällige Mengen an Baumaterial an der Berliner Sektorengrenze massiere, was auf umfangreiche Absperrmaßnahmen hindeute. Ein erfahrener Politiker wie der Minister für Gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer (CDU), hielt jedoch die Abriegelung der 150 Kilometer langen Grenze für technisch unmöglich. Die US-Geheimdienste kamen zu einer ähnlichen Einschätzung.

Verhaltene Reaktion

Spontane und, ja: leidenschaftliche Reaktionen auf den Mauerbau gab es nur in West-Berlin, wo sich der Regierende Bürgermeister Willy Brandt (SPD), mitten im Bundestagswahlkampf gegen Kanzler Konrad Adenauer (CDU) befindlich, an die Spitze der Protestbewegung setzte. Wenige Stunden nach Beginn der Absperrmaßnahmen fand in Anwesenheit der drei westalliierten Stadtkommandanten eine Sondersitzung des Abgeordnetenhauses statt. 300.000 Berliner fanden sich am 16. August zu einer Protestkundgebung vor dem Rathaus Schöneberg ein.

In Bonn waren die Reaktionen viel verhaltener. Adenauer gab am 13. August gegenüber einem RIAS-Reporter eine knapp zweiminütige Erklärung mit dem Tenor ab, sich ruhig zu verhalten und auf Maßnahmen der Westalliierten zu vertrauen. Als sich drei Tage später in Berlin die Protestierenden versammelten, empfing er in Bonn den sowjetischen Botschafter Andrej Smirnow. Der teilte ihm mit, dass die Maßnahmen nicht gegen die Bundesrepublik gerichtet seien. Der Kanzler entgegnete, dass Bonn keine Schritte unternehmen werde, die die Beziehungen zu Moskau erschwerten. Man stimme überein, "das aktuelle Streitobjekt nicht auszuweiten".

Der Bundestag, in der Sommerpause befindlich, kam erst am 18. August zu einer Sondersitzung zusammen. In Brandts Anwesenheit gab zunächst der Bundeskanzler eine Regierungserklärung ab. Er verurteilte in seiner ruhig vorgetragenen Rede die Absperrmaßnahmen, ohne Ankündigungen für die unmittelbare Zukunft zu machen. Anders Brandt, der unter anderem sagte: "Was zusammengehört, ist weiter auseinandergerissen, es wird brutal zerschlagen." In einer der wichtigsten Parlamentsreden, die je in Deutschland gehalten wurden, fuhr er damals fort: "Was am Sonntag geschehen ist, (…) ist ein tiefer Einschnitt im Leben unseres Volkes, und es ist auch ein Anschlag auf die westliche Gemeinschaft. Ich meine, dass es um die Glaubwürdigkeit geht, um die Glaubwürdigkeit der westlichen Politik." Heinrich Krone (CDU), Kanzler-Vertrauter und Chef der Unionsfraktion, notierte in seinem Tagebuch: "Die Stunde der großen Desillusionierung. Das deutsche Volk hat vom Westen mehr als eine Protestnote erwartet. Stimmen des Zweifels werden laut. Lässt uns der Westen im Stich?"

Die USA hatten indes der UdSSR seit dem Frühsommer 1961 signalisiert, dass Moskau im Ostsektor von Berlin freie Hand habe. Jedenfalls mussten die Sowjets dies aus Gesprächen schließen, die der US-Sonderbeauftragte John McCloy im Auftrag seines Präsident John F. Kennedy Ende Juni 1961 in Sotschi am Schwarzen Meer mit KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow geführt hatte. Kennedy sagte einige Tage danach einem Vertrauten: "Ostdeutschland entgleitet Chruschtschow. Das kann er nicht zulassen. (…) Er muss etwas tun, um den Flüchtlingsstrom einzudämmen - vielleicht eine Mauer." Brandt benutzte dieses Bild übrigens einen Tag vor dem Mauerbau bei einer Wahlkampfrede in Nürnberg.

Erst in den Tagen danach kam es zu symbolischen Handlungen des Westens in Berlin, die die Menschen beschwichtigen sollten. Der britische Premier Harold MacMillan blieb auf der Jagd, der französische Präsident Charles de Gaulle auf seinem Landsitz. Beide beurteilten die Lage ähnlich wie Washington. Am 19. August besuchte US-Vizepräsident Lyndon B. Johnson in Begleitung von General Lucius D. Clay Berlin. Die beiden wurden von Hunderttausenden bejubelt und begrüßten ihrerseits eine 1.500 Mann zählende Kampfgruppe der US-Army, die nach der Anreise über die Transitautobahn auch eine Runde über den Ku'damm fuhr. Adenauer kam erst am 22. August nach Berlin. Der Empfang für ihn war kühl.

Clay, der Organisator der Luftbrücke, kam im September als Sonderbeauftragter Kennedys nach Berlin und löste am 27./28. Oktober eine gefährliche Konfrontation aus, als US-Panzer nach Provokationen der DDR im Zentrum auffuhren und am Checkpoint Charlie sowjetischen Tanks gegenüberstanden. An der noch durchlässigen Mauer häuften sich die Zwischenfälle; binnen des ersten Jahres wurden 32 Menschen bei Fluchtversuchen erschossen.

Adenauer gewann am 17. September 1961 die Wahl, doch verlor die CDU/CSU die Bundestagsmehrheit; Brandt erzielte einen Achtungserfolg. Erst am 26. Juni 1963 reiste Kennedy als erstes westliches Staatsoberhaupt seit 1945 in die von der Teilung hart getroffene Stadt und bekannte: "Ich bin ein Berliner!"

Der Autor war bis 2009 Mitglied der

Chefredaktion von Deutschlandradio Kultur.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag