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Götz Hausding
Fleißige Helfer im Untergrund

FLUCHT Abenteuerliche Tunnelbauten, gefälschte Pässe, Verstecke in Diplomaten-Wagen: Ein Entkommen aus der DDR war ohne westliche Fluchthelfer selten möglich. Die SED diffamierte sie als Menschenhändler

Es gab den Flug der Familien Strelzyk und Wetzel mit dem selbstgebauten Heißluftballon über die grüne Grenze. Es gab die Fahrt des Bernd Böttger mit einem von ihm entwickelten Mini-U-Boot durch die Ostsee. Dazu kamen noch spektakuläre Fluchten mit eigens umgebauten Autos, in Lautsprecherboxen und eingeklemmt zwischen zwei Surfbrettern. Viele der mehr als 5.000 Menschen, die zwischen 1961 und 1989 aus der DDR flüchteten, taten dies jedoch mit der Unterstützung von Fluchthelfern aus dem Westen. So auch die Familie Schirrmeister.

Am 5. Dezember 1980 sitzt Christiane Schirrmeister mit ihrem Mann und dem 12-jährigen Sohn in einem Prager Hotel und wartet. "Wir sollten einen Anruf erhalten, bei dem uns das weitere Vorgehen mitgeteilt wird", berichtet die heute 65-Jährige. Doch als das Telefon dann klingelte, "hieß es lediglich, der Plan sei auf den nächsten Tag verschoben worden."

Ein Plan, der vorsieht, die DDR zu verlassen und in den Westen zu flüchten. "Wir waren schon lange mit den Verhältnissen unzufrieden und wollten weg", erzählt Schirrmeister, die damals in Ost-Berlin lebte. Eines Tages war ein befreundetes Pärchen "einfach so verschwunden". Wenig später meldeten sie sich aus Hamburg - sie waren geflohen.

Über einen Kontaktmann wurde auch den Schirrmeisters eine Fluchtmöglichkeit vorgeschlagen. Mit der gleichen Fluchthilfeorganisation wie bei den Neu-Hamburgern. 140.000 DM sollte das Ganze kosten. Familie Schirrmeister sagte zu. "Das Geld haben unsere Freunde im Westen aufgebracht. Die mussten dazu auch Kredite aufnehmen."

Mulmiges Gefühl

Die Flucht über Prag nimmt einen Tag später ihre Fortsetzung. "Uns wurde am Telefon auf Englisch gesagt, dass wir auf einer bestimmten Straße ab 15 Uhr immer auf und ab laufen sollen." Schließlich hält ein Wagen an, aus dem heraus die Familie zum Einsteigen aufgefordert wird. Am Stadtrand der tschechischen Hauptstadt endet die Fahrt. "Wir wurden dann in eine kleine Wohnung gebracht, in der wir bleiben sollten, bis man uns abholt." Das geschieht spät in der Nacht. In einem Fahrzeug der pakistanischen Botschaft geht es in Richtung Grenze. Kurz davor muss Familie Schirrmeister in einem Waldstück vom Rücksitz in den Kofferraum umsteigen. "Da war uns schon mulmig", erinnert sich Christiane Schirrmeister.

Nach zwanzigminütiger Fahrt ist die Grenze erreicht, die auch ohne Probleme passiert wird. "Als wir dann aus dem Kofferraum rausgeholt wurden und uns die Pakistanis sagten, wir seien nun im Westen, haben wir alle vor Freude geheult", sagt sie. Am Bahnhof des Grenzortes Waidhaus im Oberpfälzer Wald wird die Familie von den Freunden erwartet: Die Flucht ist geglückt.

Was in den 1980er Jahren teils professionell und kommerziell organisiert war, sah in den Monaten nach dem Mauerbau, als die Geschichte der Fluchthilfe begann, noch ganz anders aus. Es ging vorrangig darum, Familienangehörige und Freunde von Ost- nach West-Berlin zu bringen. Die Strukturen der Fluchthilfegruppen waren weit weniger professionell, als es etwa die DDR-Führung darstellte, die von "straff organisierten Menschenhändlerbanden" sprach.

Als zuverlässige und bewusst nicht-kommerzielle Fluchthelfer galten die Mitglieder der Gruppe um Detlef Girrmann, die im Studentenwerk der Freien Universität Berlin (FU) entstand und zu denen auch Bodo Köhler gehörte. "Wir waren einfach nur ein paar simple West-Berliner Typen, die es nicht richtig fanden, dass da drüben Leute eingeschlossen waren", machte Köhler in einem Interview mit der Historikerin Maria Nooke, das neben vielen weiteren Zeitzeugengesprächen im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer vorliegt, seine Motivation deutlich.

Ursprüngliches Ziel der von der Stasi als Girrmann-Gruppe bezeichneten Verbindung war es, den 350 Ost-Berliner FU-Studenten die Möglichkeit zu geben, ihr Studium in West-Berlin fortzusetzen. Schließlich waren es rund 500 Ost-Berliner und DDR-Bürger, die Girrmann und seine Helfer in die Freiheit holten. Sie nutzten unter anderem die Zugverbindung von Ost-Berlin nach Kopenhagen. Die Flüchtlinge wurden am Ostbahnhof mit gefälschten Pässen und Fahrkarten ausgestattet, die am Bahnhof Zoo gekauft und abgestempelt waren.

Auch an Tunnelbauten in Berlin beteiligte sich die Gruppe. Den längsten, tiefsten und schließlich auch erfolgreichsten Tunnel baute jedoch eine Gruppe um den Fluchthelfer Wolfgang Fuchs von April bis Oktober 1964. 145 Meter lang war der "Tunnel 57", benannt nach der Zahl der Flüchtlinge, die so den Weg in die Freiheit fanden. Zu ihnen gehörte auch Karin Thiele. Ihr Mann Klaus war noch am Tag des Mauerbaus spontan am Bahnhof Friedrichstraße geflohen. Er war es, der den Kontakt zu den Fluchthelfern aufnahm. Am 3. Oktober 1964 war es soweit. An jenem Abend klingelte ein Kontaktmann bei Karin Thiele und erteilte ihr Instruktionen. "In der Strelitzer Straße 55 sollte ich an die Tür klopfen und das Losungswort ,Tokio' sagen", erinnerte sie sich im Gespräch mit Maria Nooke. Zu denen, die die Flüchtlinge an der Eingangstür in Empfang nahmen, zählte auch Reinhard Furrer, der spätere Astronaut. Karin Thiele stieg im Toilettenhäuschen auf dem Hof in den Stollen, der ihr den Weg in die Freiheit bringen soll. "Ich hatte die Angst im Nacken", sagt sie. Als sie im Keller einer leerstehenden Bäckerei auf der Westseite der Bernauer Straße mit blutigen Knien und Handflächen ankam, hatte sie es geschafft.

Schusswechsel

Auf der Ost-Berliner Seite kam es in der zweiten Nacht der Aktion zu einem tödlichen Zwischenfall. Von einem Stasi-IM informiert, rückten Grenzpolizisten an. Bei einem Schusswechsel starb der 21-jährige Unteroffizier Egon Schultz. "Das hat uns sehr mitgenommen", sagt Hartmut Horst, der damals einer der Kontaktmänner war und sich aus Idealismus in der Fluchthilfe engagierte, in den genannten Zeitzeugengesprächen. "Für uns war dieses Scheißsystem schuld am Tod von Schultz." Die tödlichen Schüsse gab indes nicht ein Fluchthelfer ab, sondern versehentlich ein anderer Grenzer. Die DDR sprach trotzdem von einem "feigen Mord".

Daraufhin änderte sich auch das Bild der Fluchthelfer in westdeutschen Medien, sehr zur Enttäuschung von Hartmut Horst. "Es wurde unter anderem behauptet, dass Flüchtlinge mit einer Pistole aufgefordert wurden, Geld zu bezahlen", sagt er. Und dennoch: "Letztendlich hatten wir eher ein Erfolgsgefühl als das Gefühl, aufhören zu müssen." Immer wieder hätten er und seine Freunde nach geeigneten Fluchtorten gesucht: "Das war schon wie eine Sucht."

Einer, der mit seinem Auto ebenfalls Fluchthilfe geleistet und lange darüber geschwiegen hat, sitzt heute als CDU-Abgeordneter im Bundestag. Eberhard Gienger, 1974 Reckweltmeister, zögerte nicht, als ihn bei den Europameisterschaften 1975 in Bern sein DDR-Konkurrent Wolfgang Thüne fragte, ob er ihm bei der Flucht helfen könne. Tunnelbau und Kofferraumverstecke waren dabei aber nicht nötig. "Thüne saß eher gemütlich auf der Rückbank, und wir haben ohne große Schwierigkeiten die Grenze aus der Schweiz kommend überquert", schilderte Gienger später einmal die Situation. Zumindest seine Sportlerkarriere riskierte der Schwabe dabei. "Wäre das rausgekommen, hätte ich Starts im Ostblock vergessen können."

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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