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Peter Pragal
Das enge Tor zur Freiheit

MARIENFELDE Das West-Berliner Notaufnahmelager war über Jahrzehnte Anlaufstelle für Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR. Mehr als 1,3 Millionen Menschen durchliefen das »Nadelöhr«

Der Raum ist klein und karg möbliert, mit Originalstücken aus den 1950er Jahren: Zwei eiserne Doppelstockbetten, ein schlichter Tisch mit vier Stühlen, ein Schrank, eine Kommode, auf der ein alter, ramponierter Koffer liegt. In der Erinnerungsstätte des einstigen Notaufnahmelagers Berlin-Marienfelde können Besucher nachempfinden, wie Menschen vorübergehend untergebracht waren, die vor und nach dem Mauerbau aus Ost-Berlin und der DDR geflohen waren. Fotos, Zeitzeugenberichte und Dokumente vermitteln ein Bild der Lebenssituation von Menschen, die nur ein Ziel hatten: Der kommunistischen Diktatur für immer den Rücken zu kehren.

Politischer Seismograph

Anfang der 1950er Jahre drohte West-Berlin, wie der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter (SPD) drastisch formulierte, "im Flüchtlingsstrom zu ersaufen". Unter dem Druck der SED-Diktatur suchten immer mehr Menschen den Weg in die Freiheit. Seit die Machthaber in Ost-Berlin die innerdeutsche Grenze hermetisch abriegelten, drängten die Zufluchtsuchenden über die bis zum Mauerbau noch offene Sektorengrenze verstärkt in den Westteil der Stadt.

Die auf mehrere West-Bezirke verteilten Anlaufpunkte wurden regelrecht überrannt. Allein 1953, im Jahr des DDR-Volksaufstandes, kamen mehr als 300.000 Menschen aus dem Osten nach West-Berlin. Benötigt wurde ein zentrales Notaufnahmelager. Das entstand auf einem bundeseigenen Grundstück in Marienfelde im amerikanischen Sektor. Die Hauptkosten für den Bau übernahm die Bundesregierung.

Am 14. April 1953 hielt Bundespräsident Theodor Heuss die Eröffnungsrede. Vier Monate später nahmen die beteiligten Dienststellen ihre Tätigkeit vor Ort auf. Marienfelde wurde zum Symbol für Freiheit und Hoffnung auf ein Leben ohne politische Drangsalierung. Hier wurden die Weichen für ein neues Leben gestellt. Hier wurden Flüchtlinge aufgenommen, versorgt und befragt. Wer nicht in West-Berlin blieb, wurde mit Hilfe der westlichen Schutzmächte ausgeflogen und in andere Bundesländer weitergeleitet. Mehr als 1,3 Millionen Menschen passierten zwischen 1953 und 1990 wie durch ein Nadelöhr das Tor zur Freiheit. Mit Inkrafttreten der Wirtschafts- und Währungsunion am 1. Juli 1990 wurde das Notaufnahmeverfahren für DDR-Flüchtlinge und Übersiedler eingestellt. Danach wurden die Gebäude noch bis Ende 2008 als zentrale Aufnahmestelle des Landes Berlin für Aussiedler genutzt.

In der Zeit des Kalten Krieges fungierte Marienfelde wie ein politischer Seismograph. Wenn sich die Lage in der DDR krisenhaft zuspitzte und die Konfrontation zwischen den Machtblöcken zunahm, stieg die Zahl derer, die sich im Lager meldeten, stark an. Besonders deutlich zeigte sich das im Sommer 1961, als die Gefahr einer Abriegelung des Ost-Sektors bedrohliche Formen annahm. Ab Juli nahm die Zahl der Flüchtlinge, darunter viele jünger als 25 Jahre, sprunghaft zu. Um sie auf dem Lagergelände unterzubringen, wurden zusätzlich Zelte aufgestellt. Kurz vor dem Bau der Mauer erlebte das Lager nochmals einen dramatischen Ansturm. An nur einem Tag meldeten sich in Marienfelde 2.662 Menschen.

Dort erwartete sie ein aufwändiges Prüfverfahren. Es beruhte auf dem 1950 vom Bundestag beschlossenen Notaufnahmegesetz, das von West-Berlin übernommen worden war. Jeder, der sich im Lager meldete, bekam einen Laufzettel, auf dem die Erledigung verschiedener Behördengänge bestätigt wurde. Das begann mit einer ärztlichen Untersuchung, führte über eine Befragung durch alliierte Geheimdienste und endete mit einer Einvernahme durch einen Ausschuss, der die Fluchtgründe jedes Kandidaten begutachtete. Insgesamt waren elf Stationen zu durchlaufen.

Wer glaubhaft darlegen konnte, dass er wegen einer Beeinträchtigung seiner persönlichen Freiheit, einer Gefahr für Leib und Leben oder sonstiger zwingender Gründe die DDR verlassen hatte, galt als politischer Flüchtling, bekam eine Aufenthaltserlaubnis und hatte Anspruch auf Unterstützung. Nicht anerkannt wurden Menschen, die aus rein wirtschaftlichen Gründen geflohen waren. Zwar wurde niemand zurückgeschickt, aber Eingliederungshilfen standen ihnen nicht zu.

Durch den Mauerbau wurde der Flüchtlingsstrom abrupt gestoppt. Im Lager wurde es ruhiger und leerer. Wer fortan nach Marienfelde kam, hatte bei seiner Flucht oft Leib und Leben riskiert. Manche überwanden als "Sperrbrecher" die Grenzanlagen, andere entkamen auf Schlauchbooten über die Ostsee oder gelangten durch Tunnel in den Westen. Wieder andere vertrauten sich professionellen Fluchthelfern an (siehe Beitrag oben). Auch freigekaufte politische Häftlinge durchliefen das Aufnahmeverfahren.

Stasi-Spitzel im »Feindobjekt«

Für die DDR-Führung war das Notaufnahmelager von Anfang an ein "Feindobjekt", das sie ständig im Visier hatte. Über eingeschleuste Spitzel erfuhr die Stasi, wie es Flüchtlingen auch nach dem Mauerbau gelungen war, in den Westen zu gelangen. Viele Schlupflöcher wurden danach gestopft.

Seit Mitte der 1980er Jahre trafen mehr und mehr ausgebürgerte DDR-Bewohner in Marienfelde ein, deren Ausreiseanträge genehmigt worden waren. 1989, als viele Ostdeutsche über Ungarn in den Westen flüchteten oder als Botschaftsbesetzer freigelassen wurden, wurde es in Marienfelde noch einmal richtig eng. Wie in der Zeit vor dem Mauerbau war das Aufnahmelager überfüllt. Selbst als die Mauer gefallen war, begehrten Hunderte DDR-Bürger, die der neuen Freizügigkeit nicht trauten, die Aufnahme im Westen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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