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Helmut Herles
Wossis im West-Parlament

BUNDESTAG Aus Dresden oder Halle stammend, fühlten sich Bonner Abgeordnete auch den Menschen in der alten Heimat verpflichtet. Zwei Beispiele

Die Deutschen "im Westen" mit Wurzeln "im Osten", die "Wossis", haben wesentlich dazu beigetragen, die Nation im Innersten zusammenzuhalten. Sie widersprachen in ihrem Bewusstsein sowohl der zunehmenden Abkehr der SED von "Deutschland einig Vaterland" als auch der Gleichsetzung von "Deutschland" allein mit der Bundesrepublik durch zu viele Westdeutsche. Denn sie wussten dank Herkunft und Verwandschaftspflege, dass Deutschland nicht an Werra und Elbe endete.

Das galt auch für Bundestagsabgeordnete wie die zwei befreundeten Fraktionschefs der sozialliberalen Koalition in Bonn, Herbert Wehner (SPD) und Wolfgang Mischnick (FDP), beide aus Dresden stammend. Und für Hans-Dietrich Genscher (FDP) aus Halle an der Saale. Um sie stellvertretend für die anderen zu nennen.

Tragweite erkannt

Herbert Wehner war tief in seiner Herkunft verwurzelt. Für damalige Bonn-Korrespondenten ist unvergessen, wie er einmal in einer Freudschen Fehlleistung den von ihm attackierten Freistaat Bayern unter Gelächter seiner Gegner "Freistaat Sachsen" nannte. Da explodierte er und schrie (nach Erinnerung des Autors): "Sie haben Ihre Heimat! Ich nicht! Gute Reise!" Geboren 1906, starb Wehner 1990 in Bonn-Bad Godesberg, dem Ort, von dem aus er das SPD-Programm des Wandels zur Volkspartei und Regierungsfähigkeit durchsetzte. Er hatte sich vom schuldig gewordenen Kommunisten zum SPD-Urgestein und Demokraten in Bonn "gehäutet". Das mag die Partnerschaft zum Landsmann Mischnick mit begründet haben, mit dem er 1973 versuchte, direkt bei SED-Chef Erich Honecker in Ost-Berlin etwas für die deutsche Einheit und Freiheit zu erreichen.

Häftlingsfreikauf verstärkt

Von 1949 bis 1966 Vorsitzender des Gesamtdeutschen Ausschusses des Bundestages, war es Wehner, der nach dem gescheiterten Volksaufstand in der DDR von 1953 den 17. Juni als nationalen Feiertag im bundesdeutschen Parlament durchsetzte und ihm auch den Namen "Tag der deutschen Einheit" gab, wie sein Biograph Christoph Meyer schreibt. Anders als etwa Kanzler Konrad Adenauer (CDU) erkannte Wehner die Tragweite des Mauerbaus in Berlin 1961 sofort, zumal er einen Verwandten zuvor vor dem Eingesperrtwerden in der DDR gewarnt hatte. Als Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen verstärkte er von 1966 bis 1969 die Anstrengungen um den Freikauf politischer DDR-Häftlinge und setzte dies danach als SPD-Fraktionschef fort. Und ohne Wehner hätte es keinen Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) und die Ostpolitik als eine der Voraussetzungen der (ost-)deutschen Umwälzungen von 1989/90 gegeben.

Ein Protagonist der Entspannungspolitik war auch der Hallenser Hans-Dietrich Genscher, seit 1956 für die FDP im Bundestag arbeitend, dem er bis 1998 angehörte. Ein Jahr schon war er Bonner Außenamtschef, als 1975 in Helsinki die KSZE-Schlussakte unterzeichnet wurde, mit der die Bürgerrechtsbewegungen im damaligen Ostblock nach seinen Worten "über eine Berufungsgrundlage (verfügten), die die kommunistischen Führungen selbst sanktioniert hatten". Auch Helsinki gehört zu den Marksteinen einer Entwicklung, die in den revolutionären Prozess von 1989/90 münden sollte, in dessen Verlauf Genscher in Prag den in die westdeutsche Botschaft geflohenen DDR-Bürgern ihre Ausreise verkündete.

Jährlich in die Heimat

Jahrgang 1927, entschied sich Genscher 1952 für den Weg in den Westen und dort für die FDP. Seither ließ er seine Bindungen an die Heimat bis in die Sprachmelodie hinein nicht abreißen. Er "war inwendig nie endgültig aus Halle weg", sagte er jüngst. Nach dem Grundlagenvertrag mit der DDR 1972 sei er mit einer Ausnahme jedes Jahr vor Weihnachten zu einem Vetter nach Halle gefahren, "aber privat und ohne offizielles Empfangsbrimborium".

Am Ende seiner langen, von 1974 bis 1992 währenden Zeit als Bonner Chefdiplomat wurde Genscher zum Außenminister der deutschen Einheit, festgezurrt im Zwei-plus-Vier-Vertrag. Der trat erst in Kraft, nachdem als letzte die Sowjets Genscher im März 1991 die Ratifikationsurkunde übergaben. Gut ein Jahr danach gab der Langzeit-Minister sein Amt auf.

Die Lebensleistung beider lebt in Stiftungen fort: in Dresden durch Wehners Witwe in der Herbert-und-Greta-Wehner-Stiftung. In Halle in Genschers Geburtshaus an der Schönnewitzer Straße 9 durch die Friedrich-Naumann- und die Erhard-Hübener-Stiftung als "Begegnungsstätte Deutsche Einheit".

Der Autor war langjähriger Parlaments-

korrespondent der "Frankfurter

Allgemeinen Zeitung" und Chefredakteur des Bonner "General-Anzeiger".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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