Inhalt

Susanne Kailitz
»Ich wollte die DDR verändern«

DER DEMONSTRANT Michael Wildt ging 1989 gegen das SED-Regime auf die Straße

Ich habe vom 9. Oktober bis Ende November 1989 an den Montagsdemonstrationen teilgenommen - einfach aus dem Gefühl heraus, dass es so nicht weitergehen konnte. Überall war Stagnation. Ich war damals Dramaturg am Theater in Eisleben. Wir konnten kein Stück spielen und keine Zeile schreiben, ohne dass die Stasi das fünf Mal quer gelesen hätte, um zu sehen, ob darin nicht irgendwo Kritik am Staat steckte. Auch die wirtschaftliche Lage wurde immer unerträglicher; auf ein Auto oder Telefon zu hoffen, war völlig aussichtslos.

Natürlich bekam ich mit, dass immer mehr Menschen die DDR verließen. Für mich kam das nicht in Frage. Zum einen hatte ich als junger Vater Angst davor, ins Gefängnis zu müssen oder die Familie zu gefährden; immerhin herrschte in der DDR eine Art Sippenhaft. Zum anderen wollten wir ja, dass sich in unserem Land etwas verbesserte. Ja, ich bin zu den Demonstrationen gegangen, um die DDR zu verändern. Dass es am Ende dieses Land nicht mehr geben würde, damit rechnete keiner von uns.

Nur noch Freude

Ich kann mich noch genau an die große Montagsdemo vom 9. Oktober in Leipzig erinnern. Meine Schwiegermutter, eine Ärztin, hatte uns zuvor erzählt, dass das gesamte medizinische Personal Dienst haben würde und dass zusätzliche Spezialisten für Stich- und Schussverletzungen angefordert worden waren. Da war uns klar, dass die Zeichen auf Sturm standen. Ich wollte mit einem Freund aus Eisleben nach Leipzig fahren. Während er seinen Sohn mitnahm, entschieden meine Frau und ich, auf Nummer sicher zu gehen - ich ging ohne meine Familie. Sich an diesem Tag inmitten von 70.000 Menschen in der Leipziger Innenstadt wieder zu finden, war vollkommen irre. Obwohl wir zunächst angesichts der unglaublich vielen Sicherheitskräfte, die überall waren, Angst hatten, kippte unsere Stimmung dann völlig um: In dieser riesigen Menschenmenge mit den vielen Kerzen habe ich nur noch Freude verspürt und dachte, dass es jetzt vorbei wäre mit diesem System - dass es dann noch so lange dauern sollte, hat mich überrascht.

Als am 9. November die Grenzen geöffnet wurden, war das für mich damals ein Propagandatrick. Als dann nach dem Mauerfall alle plötzlich von Wiedervereinigung sprachen, war ich geschockt. Viele, die sich wie ich im Neuen Forum engagierten, hatten Angst davor, dass wir im Zuge dieses Prozesses total über den Tisch gezogen werden würden. Dass es überhaupt keine Alternative zur Einheit gab, war uns damals nicht klar. Die Erkenntnis, dass die DDR überhaupt keine wirtschaftliche Basis mehr hatte, musste erst langsam wachsen.

Doch dann habe ich mich gefreut. Wie viel sich für mich geändert hatte, davon bekam ich in der Vorweihnachtszeit eine erste Ahnung: Mein Theater war damals auf Gastspielreise in Norddeutschland mit verschiedenen Märchen. In der Hektik war ein Koffer mit großen Zwergenfiguren daheim stehen geblieben. Unser Kapellmeister, ein junger Grieche, fuhr einen 5er-BMW und drückte mir, weil er selbst keine Zeit hatte, die Schlüssel in die Hand, damit ich die Figuren nach Stade bringen konnte. Und auf einmal saß ich, der bis dahin nur Trabant oder Lada gefahren war, in dieser Höllenmaschine, neben mir und hinter mir die Zwerge, raste über die Autobahn - und niemand hielt mich an der Grenze an. Das war schon ein besonderes Gefühl von Freiheit.

Aufgezeichnet von Susanne Kailitz

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag