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Susanne Kailitz
Sehnsucht nach Freiheit

DIE AUSREISENDE Maren Müller verließ die DDR via Ungarn

Ich war 19 und hatte im Juli 1989 nach meiner Ausbildung als Floristin angefangen zu arbeiten. Obwohl man das eigentlich so nicht nennen konnte: In unserem Laden bekamen wir im Sommer wöchentlich 50 Nelken und das war's. Und weil wir keine Blumen verkaufen konnten, haben wir eben gestrickt. Irgendwann habe ich mich gefragt, ob das jetzt meine Zukunft wäre: im Blumenladen sitzen und Pullover stricken. Viele Freunde und Bekannte reisten damals aus; ich hatte das Gefühl, das ganze Land dünnte nach und nach aus.

Mit Freunden fuhr ich im August in den Urlaub nach Ungarn und lernte in Budapest viele Menschen kennen, die darüber nachdachten, die DDR zu verlassen. Auch wenn man sich nie sicher sein konnte, ob darunter nicht auch Spitzel von der Staatssicherheit waren, entstand dabei ein ganz intensives Gefühl von Aufbruch und eine Sehnsucht nach Freiheit. Ich dachte, dass ich einfach nicht mein ganzes Leben lang eingesperrt sein wollte - da musste doch noch mehr kommen.

Wechselbad der Gefühle

Irgendwann fuhren wir aus reiner Neugier zur westdeutschen Botschaft und dann ging alles ganz schnell. Am 31. August fassten wir den Entschluss zur Ausreise, und am 1. September waren wir schon im ungarischen Aufnahmelager. Diese Tage waren ein Wechselbad der Gefühle, ich habe mich ständig gefragt, ob ich das Richtige tue. Meine Eltern kamen damals nach Ungarn - offiziell, um mich zum Bleiben zu überreden. Tatsächlich hatten sie mir eine Art Erstausstattung mitgebracht für mein neues Leben. Wir haben vereinbart, dass wir uns im Herbst auf einem der Weinfeste, zu denen DDR-Bürger gelegentlich reisen durften, treffen würden - ich glaube, ohne diese Aussicht auf ein schnelles Wiedersehen hätte ich das Ganze nicht durchziehen können.

Nie bereut

Am 11. September bin ich mit meiner Freundin und einem Bekannten nach Bayern ausgereist. Dort im Aufnahmelager kippte die Stimmung vollkommen: Vorher hatten wir alle das gleiche Ziel gehabt - im Westen kämpfte jeder für sich. Ich bin dann ganz schnell nach Baden-Württemberg gekommen. Das war erst einmal ein Schock: Dort ging es immer nur ums Schaffen und Geldverdienen. Durch entfernte Verwandte habe ich aber ganz schnell Arbeit gefunden und mich gut eingelebt - und mich frei gefühlt.

Aber als es dann in der DDR so richtig mit den Demonstrationen losging, habe ich manchmal bedauert, diesen Aufbruch nicht direkt miterleben zu können. Trotzdem habe ich meinen Schritt nie bereut. Und ohne die vielen Menschen, die damals ausgereist sind wie ich, hätte es die Wende im Osten wahrscheinlich nicht gegeben: Ich habe bis heute das Gefühl, ein kleines Steinchen in diesem aufregenden Mosaik gewesen zu sein.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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