Inhalt

Peter Pragal
Das Ende des Todeswalls

MAUERFALL Zwei unbedachte Worte und verfrühte Euphorie führten am 9. November 1989 zum Ansturm auf die Übergangsstellen

Angela Merkel bat zum Spaziergang. Am 9. November 2009 schritt die Kanzlerin in einem symbolischen Akt über die Berliner Bösebrücke, die sie 20 Jahre zuvor -als DDR-Bürgerin - in einem Pulk fröhlicher Menschen erstmals vom Grenzkontrollpunkt auf der Ostseite unkontrolliert nach West-Berlin überquert hatte. Auch diesmal kam sie aus derselben Richtung, begleitet vom früheren Kreml-Chef Michail Gorbatschow, Polens einstigem Arbeiterführer und Ex-Präsidenten Lech Walesa sowie vielen ostdeutschen Bürgerrechtlern. Trotz Nieselregens standen hunderte Zuschauer Spalier. "Wir sind das Volk", rief jemand in Erinnerung an die legendäre Parole der friedlichen Revolution. "So ist es", antwortete gut gelaunt die Kanzlerin.

Dass sie sich gerade diesen Ort ausgesucht hatte, war kein Zufall. Hier, am ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße, war am 9. November 1989 Geschichte geschrieben worden. Am späten Abend dieses Tages erzwangen tausende Ost-Berliner, angelockt durch Radio- und Fernsehmeldungen über eine bevorstehende Reisefreiheit, die Öffnung des Schlagbaumes und das ungehinderte Passieren der Kontrollstelle. Den Befehl zum Durchlass gab Stasi-Oberstleutnant Harald Jäger. Nach vergeblichen Versuchen, eine Weisung "von oben" zu bekommen, rang sich der Leiter der Passkontrolleinheiten dazu durch, den Weg gen Westen frei zu geben.

Seine Entscheidung löste eine Kettenreaktion aus. Bis Mitternacht wurden nach und nach auch die anderen innerstädtischen Grenzübergänge geöffnet. Mehr als 28 Jahre hatten Mauer und Sperranlagen Berlin und Deutschland geteilt. Binnen weniger Stunden verlor dieses Monument einer gescheiterten Politik seine Schrecken und seine Funktion - friedlich, ohne einen Schuss.

Krenz unter Zugzwang

Am Vormittag des 9. November las ich wie gewöhnlich in meinem Ost-Berliner Büro Zeitungen. Ein Artikel im "Neuen Deutschland", dem zentralen SED-Sprachrohr, weckte mein besonderes Interesse. "Fassen Sie Vertrauen", lautete ein Appell von Künstlern und Bürgerrechtlern an die Bevölkerung, sich nicht der Fluchtbewegung aus der DDR anzuschließen: "Bleiben Sie doch in Ihrer Heimat, bleiben Sie bei uns." Auch die neue SED-Führung unter Egon Krenz überlegte, wie der Massenexodus über Ungarn und andere Ostblock-Länder zu stoppen sei. Die Drohung der Prager Regierung, die tschechoslowakische Grenze für DDR-Bürger zu schließen, setzte den SED-Generalsekretär unter Zugzwang. Eine solche Sperre, so war vorauszusehen, könnte die Volkswut explodieren lassen.

Drei Tage zuvor hatten die Machthaber in Ost-Berlin den Entwurf eines Reisegesetzes veröffentlicht. Statt der vom Politbüro erhofften Zustimmung hagelte es Proteste, selbst aus den eigenen Reihen. Denn aus dem Text ging hervor, dass die Behörden die Genehmigung weitgehend nach eigenem Ermessen erteilen oder versagen konnten. Krenz unternahm einen zweiten Anlauf. Das Innenministerium bekam den Auftrag, einen neuen Entwurf vorzulegen.

Die Weltnachricht

Am Mittag des 9. November hielt der SED-Chef das Papier in den Händen und informierte einige Politbüromitglieder über die Neuregelungen. Dann ging die Beschlussvorlage an den Ministerrat, der sie bis 17 Uhr billigen sollte. Was Krenz gegen 16 Uhr dem SED-Zentralkomitee (ZK) vortrug, ging über die ursprüngliche Vorlage weit hinaus. "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt." Nach kurzer Diskussion über geringfügige Korrekturen stimmte das ZK zu. "Ich behaupte, dass alle, denen die neue Regelung vorgelesen wurde, nicht wussten, dass in der folgenden Nacht die Mauer fällt", wird Politbüromitglied Gerhard Schürer später sagen.

ZK-Sprecher Günter Schabowski war bei der Bekanntgabe der neuen Regelung nicht im Sitzungssaal. Als er gegen 17 Uhr zurückkam, schob ihm Krenz den Text der Verordnung zu. Schabowski überflog ihn. Für 18 Uhr war eine Pressekonferenz anberaumt. "Darüber kannst du informieren", sagte Krenz. "Das wird die Weltnachricht." Zu den Papieren gehörte auch eine Presseerklärung, in der als Sperrfrist für die Veröffentlichung der 10. November stand.

Auf der Pressekonferenz fragte der italienische Korrespondent Riccardo Ehrmann kurz vor 19 Uhr, ob die Veröffentlichung der ursprünglichen Fassung des Reisegesetzes ein Fehler gewesen sei. Nach einer weitschweifigen Erklärung über die Legalisierung der Ausreise suchte Schabowski in seinem Papierstapel nach dem Dokument und las schließlich hastig die einzelnen Passagen des Beschlusses vor. Wann das in Kraft trete? Erneut blätterte Schabowski in seinen Unterlagen, schaute sichtlich irritiert auf den Verordnungstext. "Ab sofort", stand da unter Ziffer zwei. "Sofort, unverzüglich", antwortete er. Zwei unbedachte Worte, mit denen er eine wahrhaft historische Entwicklung auslöste. "Krenz hatte mir nichts von einer Sperrfrist gesagt", verteidigte er sich später. Die war auf 4 Uhr früh festgesetzt.

Um 19.01 Uhr ging die Presse-Unterrichtung zu Ende, Minuten später liefen die Ticker heiß. "Ausreise über alle DDR-Grenzübergänge ab sofort möglich", berichtete die Nachrichtenagentur Reuters per Eil-Meldung; AP und dpa formulierten fast wortgleich. Um 20 Uhr präsentierte die ARD-"Tagesschau" die Schlagzeile: "DDR öffnet Grenze". Da machten sich die ersten Ost-Berliner auf den Weg. Andere Teilnehmer der Pressekonferenz werteten Schabowskis Aussage vorsichtiger. Sie erwarteten den Ansturm auf die Grenze erst für den nächsten Morgen, weil DDR-Bürger zur Ausreise einen Stempel der Volkspolizei benötigten und deren Dienststellen bereits geschlossen waren.

Als Krenz nach der ZK-Sitzung gegen 22 Uhr in sein Büro kam, erreichte ihn ein Anruf von Stasi-Minister Erich Mielke. Er berichtete, dass Massen von Menschen zu den Grenzübergängen strömten. "Was schlägst du denn vor?", fragte Krenz. "Generalsekretär bist du", lautete die Antwort. Aber Krenz konnte oder wollte nicht entscheiden. Den Gedanken, die Grenzen dicht zu machen und Panzer auffahren zu lassen, verwarf er. Ohne einen ausdrücklichen Befehl zu erteilen, ließ Krenz "den Dingen freien Lauf".

Die meisten Ost-Berliner hatten auch an diesem Abend West-Fernsehen eingeschaltet. So hörten sie, wie Hanns Joachim Friedrichs in den ARD- "Tagesthemen" um 22.42 Uhr nach der Mitteilung, dass die Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet seien, den Satz formulierte: "Die Tore in der Mauer stehen weit offen." Das erwies sich als verfrüht: Kurz darauf berichtete Reporter Robin Lautenbach live vom Grenzübergang Invalidenstraße, dort habe sich noch nichts getan.

Auch wenn Friedrichs der Wirklichkeit voraus war - seine euphorischen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Erst jetzt begann der eigentliche Ansturm auf die Übergangsstellen. Viele tausende Berliner aus Ost und West wollten testen, ob die Nachricht stimmte. An der Bornholmer Straße gab Oberstleutnant Jäger als Erster den Weg frei. Im Nu war die Brücke voller Autos und lachender Menschen, die im Westen mit Beifall und Sekt empfangen wurden.

Unter den Gästen, die Angela Merkel 20 Jahre danach bei ihrem Erinnerungsspaziergang begleiteten, war auch Joachim Gauck. Der erste Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde griff den Zwischenruf "Wir sind das Volk" spontan auf: Nach einem Jahrzehnte dauernden, mit Lügen gespickten Lehrgang in Gehorsam habe die DDR-Bevölkerung ein Examen zum Thema "Was ist Freiheit?" abgelegt und geantwortet: "Wir sind das Volk." Daraus - sagte Gauck - leite sich der Satz ab: "Ich bin ein Bürger." Und wer ist in der Gauckschen Definition ein Bürgerrechter? Jemand, der "Ich bin ein Bürger" sagte, bevor er wusste, dass es ein Volk hinter ihm gab.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag