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Robert Birnbaum
Brummelnder Chorgesang

BUNDESTAG Die Sitzung des Parlaments in Bonn am Abend des Mauerfalls

Die Weltgeschichte traf den Bundestag ganz und gar unvorbereitet. Ein parlamentarischer Donnerstag ging seinen Gang: Aktuelle Stunde zur "Schätzung der EG-Getreideernte", dann Debatte zur Vereinsförderung. Eine recht lebhafte Debatte übrigens, weil das Vereinsrecht zwar eine dröge Sache ist, aber jedem Wahlkreisabgeordneten nahe geht - danach wird er beim nächsten Feuerwehrfest garantiert gefragt. Umso mehr drängt sich bei dem, der heute die Protokolle nachliest, der Eindruck auf, dass in diesen historischen Stunden der Behelfsplenarsaal im Bonner Wasserwerk im Tal der Ahnungslosen lag.

In Wahrheit sprachen sich in den engen Stuhlreihen die Nachrichten über Günter Schabowskis Pressekonferenz und die Reaktionen der Ost-Berliner bald herum. Nur - wie darauf reagieren? Geschäftsmäßig, erst einmal. Vizepräsidentin Annemarie Renger (SPD), die die Sitzung leitete, ließ über das Vereinsrecht abstimmen. Dann erst wird die Sitzung unterbrochen, 30 Minuten, Beratungen im Hintergrund: Was tun, was sagen? Was ist politisch richtig, was notwendig, was, vor allem, zu viel?

Überraschung und Vorsicht

Die halbe Stunde wird den Abgeordneten lang erscheinen, in Wahrheit ist sie knapp. Denn was uns heute wie eine logische Abfolge zwangsläufiger Ereignisse erscheint - von den Flüchtlingen in der Prager Botschaft über die Montagsdemos in Leipzig bis zu einer neuen Weltordnung -, stellt sich den Handelnden als Abbild jenes Minenfelds dar, das sich zu diesem Zeitpunkt ja immer noch mitten durch Deutschland zieht. Noch hat die SED mit Egon Krenz an der Spitze in Ost-Berlin das Sagen. Noch ist die Furcht groß vor der "chinesischen Lösung", davor, dass die bedrängten alten Herren von Wandlitz Panzer gegen das eigene Volk losschicken. Noch kann niemand wissen, wie weit Michail Gorbatschows Perestroika-Politik der Öffnung im sowjetischen Machtbereich gehen wird. Noch wagt, kurz gesagt, keiner der Verantwortlichen in Bonn, sich das Undenkbare vorzustellen, geschweige denn es auszusprechen. Denn jedes Wort kann das Wort zu viel sein, das Trotzreaktionen auslöst und zögerlich geöffnete Türen zuknallen lässt.

Um 20:46 Uhr tritt Rudolf Seiters (CDU) ans Rednerpult. Der Kanzleramtsminister muss sprechen, denn Helmut Kohl ist in Warschau. Seiters verliest eine knappe Regierungserklärung. In ihr sind die Überraschung zu spüren und die große Vorsicht. Ein historischer Tag sei das, sicher: "Mauer und Grenze in Deutschland werden damit durchlässiger." Weiter geht Seiters nicht. "Durchlässiger", nicht "durchlässig" - in den zwei Buchstaben mehr steckt die ganze Sorge vor dem falschen Zungenschlag.

Etwas weiter gehen kann die Opposition:

Vom "Ende der Mauer" redet SPD-Fraktionschef Hans-Jochen Vogel, vom "Fall" der Mauer der Grüne Helmut Lippelt. Von deutscher Einheit spricht an diesem Tage keiner. Wolfgang Mischnick, FDP-Fraktionschef, in Dresden geboren, schließt die kurze Debatte mit dem Appell an alle DDR-Bürger: Reformiert euer Land, kämpft für freie Wahlen, vor allem aber: "Bleibt daheim!"

"Beifall bei allen Fraktionen", vermerkt das Protokoll. "Die Anwesenden erheben sich und singen die Nationalhymne." Im Nachhinein wirkt auch das logisch, ja prophetisch. Doch das Lied der Deutschen in diesem Moment anzustimmen - wie würde das verstanden werden? Als Demonstration? Als Provokation? Dabei war der brummelnde Chorgesang nichts von alledem; bloß der Versuch der Abgeordneten, irgendwie Haltung zu bewahren vor der Weltgeschichte, die da über sie hereinbrach. Es passt dazu, dass bis heute keiner genau weiß, wer als erster die Hymne angestimmt hat.

Der Autor ist Parlamentskorrespondent

des Berliner "Tagesspiegel".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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