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Interview mit Wolfgang Schäuble
»Es ging jeden Tag schneller«

WOLFGANG SCHÄUBLE Als Bonner Innenminister handelte er 1990 den Einigungsvertrag aus. Ein Rückblick

Sie haben 1961 Abitur gemacht, im Schwarzwald. Wie real war für einen 18-Jährigen wie Sie der Bau der Mauer?

Wir hatten nach dem Abitur eine Reise nach Berlin gemacht, noch vor dem Bau der Mauer. Ich war zum ersten Mal aus unserer Kleinstadt nach Berlin gereist und fasziniert von dieser Großstadt. Daher war es für mich unvorstellbar, dass kurze Zeit später eine Mauer mitten durch Berlin gebaut werden konnte. Deswegen fühlte ich mich ganz unmittelbar betroffen.

Hatten Sie damals damit gerechnet, den Fall der Mauer zu erleben?

Da wir uns alle zunächst gar nicht vorstellen konnten, dass die Stadt durch eine Mauer geteilt wird, konnten wir uns zunächst auch nicht vorstellen, dass die Mauer bleibt. Im Laufe der Jahre konnte man sich dann umgekehrt fast nicht mehr vorstellen, dass sie irgendwann fallen würde. Natürlich haben wir auch später daran festgehalten, die Teilung zu überwinden, aber nicht gewusst, wann dies realistisch der Fall sein würde. Denn wie sollte das gehen - angesichts der Erfahrungen der Volksaufstände von 1953 in der DDR und 1956 in Ungarn und dann 1968 beim Prager Frühling - ohne das Risiko eines neuen Krieges? Dieses Risiko wollte richtigerweise niemand eingehen. Die Hoffnung aufgegeben haben wir aber nie.

Nach dem Mauerfall waren Sie mit dem Aushandeln des Einigungsvertrags stark an der Gestaltung der Einheit beteiligt. Wenn Sie an diese immense Belastung denken, was ist bestimmend: Stolz auf das Geleistete, Ärger über Fehler, Freude über die Aufgabe oder Erleichterung, das nicht noch mal machen zu müssen?

(lacht) Nein! Für jemanden, der politisch interessiert und tätig ist, war das natürlich ein Traum. Es war ja schon im Sommer 1989 zu spüren, dass sich die Entwicklung beschleunigte. Dann fiel die Mauer, und es ging jeden Tag schneller. Ich sagte als Innenminister früher als andere: Wenn es zur Einheit kommt, müssen wir darauf vorbereitet sein. Deswegen haben wir ab dem Jahreswechsel 1989/90 mit den Vorbereitungen für den Einigungsvertrag begonnen und konnten dann ja auch die Verhandlungen schnell abschließen. Sicher haben wir dafür viel, sogar sehr viel gearbeitet, aber etwas Schöneres, als an einer solchen einmaligen Aufgabe arbeiten zu dürfen, gibt's gar nicht.

Wird die Leistung ihrer DDR-Verhandlungspartner - Günther Krause, Lothar de Maizière - hinreichend gewürdigt?

Nein. Deren ungeheures Engagement und Leistung während der Verhandlungen rund um die deutsche Vereinigung sind in der alten Bundesrepublik nie genügend gewürdigt worden. Die Menschen in der DDR mussten über Nacht alles neu machen. Wenn man die Arbeit der 1990 gewählten Volkskammer sieht, ist es unglaublich, in welcher Geschwindigkeit die das geschafft haben, mit Entschiedenheit, Mut, Improvisationskraft. Das waren nicht "Laienschauspieler", wie ein Mitglied der damaligen Bundesregierung sagte. Ganz im Gegenteil!

Wie würden Sie einem Kind die Bedeutung des Einigungsvertrages erklären?

Einem Kind müsste man nur erklären, dass Deutschland als Folge von Hitler und dem Zweiten Weltkrieg fast 45 Jahre lang gegen seinen Willen geteilt war und die Menschen in der DDR das durch eine friedliche Revolution beseitigt haben, als sie die Chance dazu hatten. Als klar wurde, dass die beiden Teile Deutschlands wieder zusammen kommen wollten, mussten wir als Regierungen der beiden Teile den Rahmen für diese Vereinigung setzen. Weil sich in den 45 Jahren die Lebensverhältnisse in allen Beziehungen sehr unterschiedlich entwickelt hatten, war es die wichtigste Aufgabe des Einigungsvertrags, dafür zu sorgen, dass die Vereinigung einigermaßen geordnet verläuft. Das war nicht einfach, aber es ging gut. Wenn Sie schauen, welche Umwälzungen und Spannungen etwa Länder jetzt im Arabischen Frühling aushalten müssen, dann haben wir das damals in Deutschland ganz gut zustande gebracht.

Der Osten liegt etwa bei Einkommen und Wirtschaftskraft weiter hinter dem Westen. Müssen wir das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse aufgeben?

Nein, man muss sich nur im Klaren sein, was damit gemeint ist. Gleichwertig heißt ja nicht, dass alles überall gleich ist. In vielfältiger Beziehung sind die Verhältnisse in Deutschland nicht nur zwischen Ost und West unterschiedlich. Wir brauchen ein hinreichendes Maß an Gleichwertigkeit und fairem Ausgleich - das funktioniert ganz ordentlich. Und die Unterschiedlichkeit Deutschlands, auch kulturell, ist eine seiner Stärken. Die Vielfalt seiner Menschen auch im Temperament ist ein Reichtum: Der Schwarzwälder ist anders als der Ostfriese und der Mecklenburger anders als der Oberbayer. Selbst in Baden-Württemberg gibt es Unterschiede in der Mentalität von Schwaben und Badenern.

Wie sehr wirkt die Mauer noch nach?

Ach, immer weniger. Bei den Jungen spielt sie überhaupt keine Rolle mehr. Die jüngere Generation findet, dass das schon alte Geschichten sind. Etwas übertrieben könnte man deren Wahrnehmung so beschreiben: Ob Sie von Napoleon oder von der Mauer erzählen, ist fast gleich: Das ist irgendwann früher einmal gewesen, in einem vergangenen Jahrhundert. Bei den Älteren: Klar wirkt es nach. Das ist wie bei denen, die den Krieg durchlitten haben - die werden das bis an ihr Lebensende nicht vergessen. Auch die Mauer wirkt nach, so lange Menschen leben, die sie erlebt und erlitten haben, aber für die Wirklichkeit des Lebens, für die Zukunft spielt sie keine Rolle mehr.

Das Interview führten Jörg Müller-Brandes und Helmut Stoltenberg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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