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Everhard Holtmann
Zwei Blicke auf die Einheit

OST UND WESt Wie fremd sind sich die Deutschen noch?

Ein Verdacht geht um im geeinten Deutschland: Mehr als 20 Jahre nach der Vereinigung gebe es immer noch - oder gar wieder - eine "Mauer in den Köpfen". Träfe diese Beschreibung der innerdeutschen Beziehungen zu, hätten wir es mit einer Gefühlslage zu tun, die auf der individuellen Ebene eher durch kulturelle Distanz und Entfremdung denn durch verstehende Annäherung und Angleichung gekennzeichnet ist. Doch betrachten sich die Deutschen, und zumal Ostdeutsche, heute tatsächlich so, als lebten sie vor oder hinter einer virtuellen Mauer? Dem nüchternen Blick auf die empirisch gemessenen Einstellungen zu Fragen der Gesellschaft und Politik erschließt sich, nicht überraschend, für den östlichen Teil der Bundesrepublik ein insgesamt nicht dramatisches, aber zweifellos differenziertes und teilweise widersprüchliches Bild.

Verklärende Rückschau

Anders als vor dem Fall der Mauer ist der ehemalige ideologische Wettkampf der Systeme endgültig ausgefochten. Nur eine Minderheit der Ostdeutschen wünscht sich die sozialistische Ordnung der DDR zurück. In Sachsen-Anhalt waren dies etwa im Jahr 2009 landesweit 22 Prozent, unter den 18- bis 24-Jährigen nur 17 Prozent. Bei der Frage, ob das SED-Regime ein Unrechtsstaat gewesen sei, scheiden sich allerdings die Geister: Bei derselben regionalen Umfrage stimmten 52 Prozent dieser Wertung zu, 43 Prozent verneinten sie. Das polarisierte Meinungsbild erklärt sich dadurch, dass Ostdeutsche in rückschauender Wahrnehmung häufig zwischen den politischen Seiten der DDR, deren Diktaturcharakter nicht in Frage gestellt wird, und einem als unpolitisch gesehenen und in Teilen durchaus fürsorglich eingeschätzten Systemalltag trennen. Nach wie vor werden der verblichenen DDR im Vergleich mit der Bundesrepublik bestimmte Vorzüge zugesprochen: Das Leben der Menschen dereinst wird als sozialer beschrieben; man habe sich besser im zwischenmenschlichen Bereich verstanden und sei gegen Existenzrisiken (Arbeitslosigkeit, Schutz vor Verbrechen) besser abgesichert gewesen. Immerhin belegt die Regionalstudie, dass mit wachsendem zeitlichen Abstand zum Systemumbruch von 1989/90 die Neigung, vorgeblich "gute Seiten der DDR" zu verklären, nicht zunimmt.

Die demokratische, freiheitlich verfasste und marktwirtschaftliche Ordnung der Bundesrepublik stellt, darin ist sich die große Mehrheit der Deutschen in West und Ost einig, das politisch wie ökonomisch zu bevorzugende System dar. Allerdings hat sich, wie die Daten ebenfalls zeigen, das Demokratiebewusstsein in Ostdeutschland noch nicht vollkommen gefestigt. Dass die Demokratie "die beste Staatsform" sei, bejahten 2007 zwar 84 Prozent der Westdeutschen, aber nur 56 Prozent der Ostdeutschen. Noch 1991 und 2000 hatten die ostdeutschen Vergleichswerte bei 70 und 78 Prozent gelegen. Auch über das Funktionieren der Demokratie äußert sich der ostdeutsche Bevölkerungsteil erheblich unzufriedener als der westdeutsche. Diese vergleichsweise stärker systemkritische Grundhaltung hat sich vor dem Hintergrund der noch gegenwärtigen Umbruchserfahrungen aufgebaut, die für viele Ostdeutsche mit Arbeitsplatzverlust, Karrierebrüchen und unsicherem sozialen Status einhergingen. Mehr als in anderen Einstellungsdaten manifestiere sich in diesem Befund, so schrieb der Stuttgarter Politikwissenschaftler Oscar Gabriel 2010, "ein Fortbestand der Mauer in den Köpfen", oder genauer: Die kulturelle Spaltung zwischen West und Ost habe sich in diesem Punkt "nicht nur nicht verringert, sondern vertieft".

Der Autor ist Politik-Professor in Halle (Saale) und Sprecher des Sonder- forschungsbereiches "Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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