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Karl Schlögel
Deutsche Grenzerfahrungen

SPURENSUCHE Die Mauer war das Sinnbild eines zur Normalität gewordenen Ausnahmezustands

Fast könnte man denken, die Mauer in Berlin hätte es nie gegeben. An den Kreuzungen, die einmal einsam und verödet lagen, staut sich der Verkehr, im Grenzgelände von einst herrscht Hochbetrieb. Die Brache, die Krieg und Teilung am Potsdamer Platz hinterlassen hatten, ist von Hochhaustürmen besetzt. Die Ringbahn umkreist die Stadt, so als wäre das immer schon so gewesen. Das Menschengewimmel am S-Bahnhof Friedrichstraße deutet auf eine ungeheure Verdichtung und Beschleunigung - aber es ist noch nicht lange her, da war der Bahnhof eine System aus Tunneln, Übergängen, Grenzkontrollen, einzig für den Zweck konstruiert, die Menschenbewegung zu verlangsamen, zu unterbrechen, unter Kontrolle zu halten. Es gab eine Zeit, da konnte man nur mit einem Pass oder einer speziellen Besuchserlaubnis von der einen auf die andere Straßenseite gelangen, jetzt weiß man nicht einmal mehr, wo die Grenze verlief. Wie viel Lebenszeit haben die Bewohner der Insel West-Berlin an den Kontrollpunkten Dreilinden, Heerstraße verbracht! Jetzt sind diese Bauten abgeräumt oder warten auf einen Investor mit einer Idee, aus diesen Ruinen des Kalten Krieges noch etwas zu machen. Man fährt an die Havel zum Schwimmen - aber wer denkt noch daran, dass da einmal in Sichtweite Wachtürme standen oder Boote Patrouille fuhren.

Plombierte Züge

So geht es einem nicht nur in Berlin. Die ICE schießen durch ein Land, das vor noch nicht langer Zeit durch einen Eisernen Vorhang geteilt war. Berlin, das einmal abgehängt war und weit im Osten lag, ist jetzt im Stundentakt zu erreichen. Hamburg, Hannover, Frankfurt - das waren ferne Ziele am Ende einer Reise durch einen langen Korridor, in dem die Passagiere in plombierten Interzonenzügen verkehrten. Marienborn, Ort der Übergangsriten für mehr als eine Generation von Transitreisenden, ist heute nur noch Raststätte und Museum für eine der merkwürdigsten Grenzziehungen des 20. Jahrhunderts. Die

Bänder der Autobahnen schwingen sich über die Grenze von einst hinweg, und wo man von West nach Ost fuhr, bewältigt man heute nur den Übergang aus dem schönen Frankenland in das nicht minder schöne Thüringen. Man fährt nach Rügen und Usedom oder ins polnische Riesengebirge und nicht mehr in das "Westdeutschland" kurz hinter der Grenze. All das zeigt, was ein großes und reiches Land zuwege bringt, wenn es Menschen hat, die beherzt die ihnen gebotene geschichtliche Chance nutzen.

Wartesaal der Geschichte

Die Touristen in Berlin klettern heute nicht mehr auf Aussichtsplattformen, um einen Blick in den Ostteil zu werfen, sondern auf die Stadt im Wandel, auf das Berlin der Gegenwart. Sie bestaunen die Wiedergeburt einer Stadt, die länger als andere im Wartesaal der Geschichte hatte ausharren müssen, um wieder in Form zu kommen, in der nun aber die angehaltene Zeit wieder angesprungen, losgelassen ist. Zeit des nachgeholten Wiederaufbaus, verspätete Aufräumarbeiten nach Krieg und Teilung; Berlin tankt auf, füllt sich nach Jahrzehnten des Aderlasses, des Fliehens, des Weggehens wieder mit Menschen, jungen Leuten vor allem. Alle suchen hier etwas: die Deutschen eine repräsentative Hauptstadt, die Reisenden die Metropole, die Easyjet-Generation die Clubszene in Friedrichshain und Kreuzberg, die Künstler aus New York erschwingliche Ateliers, die wohlhabenden Russen die Zweitwohnung und die Shopping Mall. So ist die Stadt zur Menschenwerkstatt, zur Zirkulations- und Vereinigungsmaschine - nicht nur für die Deutschen - geworden, in der man in den Wirbeln der urbanen Transformation die Vergangenheit schnell hinter sich lassen kann.

Die Touristen haben, wenn sie alt genug sind, Bilder im Kopf: von den Panzern am Checkpoint Charly, vom Volkspolizisten, der in voller Montur zum Sprung über den Stacheldraht ansetzt, vom Flüchtling Peter Fechter, der, angeschossen und verblutet, weggetragen wird, und natürlich vom Brandenburger Tor, verschlossen von Panzersperren und dem Wall aus Beton. Erstaunlich viele Berlin-Besucher sind unterwegs auf der Suche nach den Orten, von denen die Bilder stammen, aus denen sich ihre Erinnerung, der Erfahrungshorizont ihrer Generation zusammensetzt. Es sind reelle Erinnerungen an eine reelle Mauer. Solche Orte sind die Bernauer Straße, der Tränenpalast in der Friedrichstraße, die Oberbaumbrücke, der Wachturm an der Schlesischen Straße, die Brücke an der Bornholmer Straße, aber auch das Notaufnahmelager in Marienfelde, durch das mehr als eine Million Flüchtlinge gegangen sind.

Im Trottoir der Bernauer Straße sind die Namen der Grenzüberwinder - der erfolgreichen wie der gescheiterten - eingelassen. Dort kann man die Entstehung des monströsen Bauwerks studieren. Die Mauer beginnt als chirurgisch präzise Operation, als die Lautsprecher um 1 Uhr 14 am Morgen des 13. August 1961 die sofortige Unterbrechung des S-Bahnverkehrs verkünden. Sie durchtrennt die Lebenszusammenhänge, sie macht aus Transitstationen Endhaltestellen, verschiebt das Zentrum an die Peripherie und macht die Ränder zur Mitte. Die unterbrochenen Lebenskreise müssen sich neu organisieren. Verwandte und Freunde, Kirchengemeinden und Schulen werden unerreichbar. So wird aus einem physischen Bauwerk eine mentale Barriere, hinter der sich das Unbekannte und Fremde ausbreitet. Die Lage an der Mauer, diesseits oder jenseits, entscheidet von nun an, ob man an der Schule zuerst Englisch oder Russisch lernt, welchen Beruf man ergreift, ob man den Urlaub auf Mallorca oder an der Schwarzmeerküste in Bulgarien verbringt und ob man zum Studium nach Moskau oder New York geht.

Die Mauer wurde zur inneren Achse der Stadt, ihres Selbstverständnisses und ihrer inneren Verspanntheiten, ihres heroischen Aushaltens und all ihrer Komplexe. In der Mauer wurden große Politik und banaler Alltag miteinander kurzgeschlossen. Die Mauer stand für den zur Normalität gewordenen Ausnahmezustand, aber auch für dessen sichtbare Vergänglichkeit. 28 Jahre Mauer sind eine lange Zeit, in der Lebenschancen genutzt oder zerstört werden. Niemand wird das tiefe Glück vergessen, das alle empfanden, als sie in der Nacht des 9. November 1989 durch die geöffnete Mauer gingen, unbehelligt, heiter, den eigenen Augen nicht trauend.

Spuren

Die viel zitierte "Mauer im Kopf" ist nichts anders als die Erinnerung an diese Bilder, Orte und Erfahrungen. Ihre Existenz zu bestreiten oder sie wegreden zu wollen, ist sinnlos. Die Suche nach den Mauerspuren in Berlin ist nichts anderes als Arbeit der Vergegenwärtigung unserer gemeinsamen Nachkriegsgeschichte. Sogar die russischen oder skandinavischen Besucher, die Berlin so lieben, können darin einen Teil ihrer eigenen Erfahrung gespiegelt sehen. Die Mauer war der klarste Ausdruck des weltumspannenden Ost-West-Konflikts, der auch ihre Existenz mitgeprägt hatte.

Man kann in Berlin die Brüche des 20. Jahrhunderts abschreiten - Reichstag, Reichssicherheitshauptamt, Villa der Wannseekonferenz, Cecilienhof als Ort der Potsdamer Konferenz, das Ehrenmal für die im Kampf um Berlin gefallenen Sowjetsoldaten in Berlin-Treptow, die Leipziger Straße, auf der die sowjetischen Panzer am 17. Juni 1953 rollten, das Brandenburger Tor in der düsteren und in der heiteren Version: 13. August 1961 und 9. November 1989. Die Mauer im Kopf hält die unauslöschliche Erfahrung der Teilung so sehr fest wie den historischen Augenblick vom Fall der Mauer. Die Mauer, die einmal die innere Achse des geteilten Landes war, könnte jetzt, da sie Geschichte geworden ist, zum Punkt des Nachdenkens werden, was das eigentlich war: Nachkriegszeit, Nachkriegsdeutschland, Kalter Krieg. Wir sind davon geprägt mehr als wir uns eingestehen wollen.

Der Autor ist Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Für sein Werk "Terror und Traum. Moskau 1937" erhielt er 2009 den Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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