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Stunde Null im Wüstenreich

Libyen Nach Gaddafis Niederlage steht die entscheidende Aufgabe noch an: Der Wiederaufbau des Landes

Die wirklich große Schlacht hat noch nicht begonnen", sagt Mahmoud Jibril, die Nummer zwei im Übergangsrat der libyschen Opposition. "Und zwar der Wiederaufbau Libyens." Nach dem Jubel über die symbolträchtige Eroberung des Hauptquartiers des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi in Tripolis macht sich nun Ernüchterung breit. Auch weil der Wunsch nicht in Erfüllung ging, dass mit dem Fall der Machtzentrale auch die Kämpfe schlagartig zu Ende gehen würden. Selbst wenn der Gefechtslärm demnächst verstummen sollte, droht eine lange Durststrecke in dem Wüstenstaat. Ein Riesenreich, gut fünf Mal größer als Deutschland, in dem Gaddafi neben seinem unbarmherzigen Unterdrückungsapparat keine anderen Organe duldete: keine Parteien, keine effiziente Verwaltung, keine Gewerkschaften.

Einfluss der Stämme

Nur die mehr als 100 Stämme und ihre Führer, die schon immer das Leben in ihrem Einflussbereich organsierten, konnte er nicht völlig unter Kontrolle bringen. Diese uralten Stammesclans, eine Art Staat im Staat, sorgten, so gut es ging, selbst für ihre Leute. Ohne Einbindung dieser in Jahrhunderten gewachsenen Stammeskulturen, der wohl wichtigsten gesellschaftlichen Struktur des Landes, wird es allerdings kein neues Libyen geben. Und ohne den "Nationalen Übergangsrat", der in der libyschen Revolution geboren wurde, und nun von immer mehr Staaten als legitime Vertretung des libyschen Volkes angesehen wird, sicherlich auch nicht. Jene provisorische Revolutionsregierung, die schon kurz nach Beginn des Bürgerkrieges in Ostlibyen gegründet wurde, um für den "Traum der Freiheit und Unabhängigkeit" zu arbeiten. Und die sich zum wichtigsten Ansprechpartner des Westens entwickelte.

An der Spitze stehen zwei Männer, die sich mit ihrem Anspruch, "ein demokratisches Libyen" mit "freien sowie fairen Wahlen" zu schaffen, erhebliches Ansehen erworben haben: Mustafa Abdul Jalil (59), der Ratsvorsitzende, diente Gaddafi von 2007 an als Justizminister. Gleich zu Beginn der Revolution wandte sich der studierte Jurist von Gaddafi ab. Er war gleichzeitig der erste prominente Überläufer des Regimes.

Die Nummer zwei im Übergangsrat ist der weltgewandte Mahmoud Jibril (59). Er studierte in den USA Politikwissenschaften, diente Gaddafi ebenfalls von 2007 an als Wirtschaftsberater, zog sich 2010 aus dem Regime zurück. Nun fungiert er als eine Art Rebellen-Regierungschef. In ihren Übergangsrat haben die beiden politischen Führer bisher gut drei Dutzend Männer und auch einige Frauen berufen: Exil-Oppositionelle und Regime-Überläufer, säkulare und islamistische Mitglieder, Bürgerrechtler, Anwälte, Geschäftsleute, Stammesfürsten. Jalil und Jibril, dieses Tandem der Hoffnung, haben eine Herkulesaufgabe vor sich: Alle gesellschaftlichen Strömungen einzubinden, für Vergebung statt für Rache zu werben. Auch gilt es, die bisherigen Feinde im Bürgerkrieg, die auf Seiten Gaddafis kämpften, nicht auszuschließen.

Denn ohne Versöhnung und Großzügigkeit kann es keinen Frieden geben. Deswegen appellierte Jibril an das Volk: "Es gibt keinen Unterscheid mehr zwischen Libyern. Wir werden alle zusammen Geschichte machen. Weil wir in gleicher Weise unter 42 Jahren Diktatur gelitten haben." Auch die Revolutionsarmee, ein bunter Haufen kampfeslustiger junger Männer, denen sich auch frühere Gaddafi-Soldaten und Islamisten anschlossen, war vor allem durch das Ziel vereint, Gaddafi in die Wüste zu schicken. Die bewaffneten Revolutionäre zu bändigen, in einen disziplinierten Sicherheitsapparat überzuführen, dürfte entscheidend sein, um neue Gewalt zu verhindern. Libyen ist zwar reich an Öl, aber auch reich an Waffen.

Ambitionierter Reformplan

Von all dem wird es abhängen, ob die beiden derzeitigen Chef-Revolutionäre Jalil und Jibril die schwierige Übergangszeit überstehen werden. Und ob der Übergangsrat, der jetzt seinen Sitz von der Revolutionshauptstadt Benghazi in die Landeshauptstadt Tripolis verlegen will, seinen ambitionierten Reformplan einhalten kann: Baldige Erweiterung des Übergangsrates, Ausarbeitung einer Verfassung, Parlaments- und Präsidentenwahlen vielleicht schon binnen acht Monaten. Ohne weitere westliche Hilfe und ohne Geld wird es allerdings keine Stabilität geben. Die Nato, ohne deren Eingreifen die Rebellen kaum bis nach Tripolis gekommen wären, wird noch eine Weile aus der Luft die Sicherheit garantieren müssen. Und der Westen ist gut beraten, das auf 100 Milliarden Dollar geschätzte eingefrorene libysche Auslandsvermögen schrittweise freizugeben. "Die größte Destabilisierung wäre das Versagen, die Versorgung nicht sicherzustellen und die Löhne nicht bezahlen zu können", warnt Jibril. Das Land liegt in Ruinen. Um auf die Beine zu kommen, muss zunächst die Infrastruktur aufgebaut werden. Ohne Hilfe aus dem Ausland wird dies kaum gelingen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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