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Verena Renneberg
Transatlantiker aus Leidenschaft: Harald Leibrecht

Born in the USA: Der FDP-Bundestagsabgeordnete Harald Leibrecht kam 1961 als Sohn deutscher Eltern in Evanston bei Chicago zur Welt. Deshalb besitzt er die deutsche und die amerikanische Staatsangehörigkeit. Aber auf die Frage, ob er sich mehr als Deutscher oder als Amerikaner sehe, antwortet Leibrecht: "Ich fühle mich in erster Linie als Europäer" - und als Deutscher, fügt er hinzu, denn "in Deutschland bin ich aufgewachsen, habe hier Freunde und Familie". Zum Studium der internationalen Betriebswirtschaft zog es ihn zuerst ins idyllische Heidelberg, dann allerdings wieder ins Ausland: nach Straßburg, London - und natürlich in die USA. Seit jeher pflegt er enge Kontakte dorthin und weiß, "wie die Amerikaner ticken, wie sie funktionieren, wie sie denken und was sie von Europa erwarten".

Seit Juli diesen Jahres ist Harald Leibrecht zusätzlich zu seinem Bundestagsmandat ehrenamtlich Koordinator für die transatlantische Zusammenarbeit des Auswärtigen Amtes. Sein Ziel ist es, Brücken zu bauen. "Wir dürfen nicht meinen, dass die Amerikaner nur andere Europäer sind. Sie sind ein Land mit eigener Kultur, mit eigener Geschichte." Er will die Kommunikation zwischen beiden Ländern verbessern und so das gegenseitige Verständnis verbessern: "Wenn Deutschland einmal anders entscheidet als Amerika, dann ist das ja nicht falsch. Wir müssen nur den Amerikanern, unseren wichtigsten Verbündeten außerhalb Europas, unseren Standpunkt deutlich machen." Seine beiden Brüder, die in den USA leben, vermitteln ihm die amerikanische Sicht der Dinge, die oftmals ihre eigene sei. Doch infolge der Terroranschläge vom 11. September 2001 waren sie "gelassener" als die Amerikaner, erinnert sich Leibrecht. "Sie kannten das, Terroranschläge im eigenen Land, durch die RAF."

An diesem 11. September saß Leibrecht in seinem Büro in Ingersheim in der Region Stuttgart. Ein Mitarbeiter informierte ihn über die Anschläge. "Und dann haben wir mit 25 Mitarbeitern ferngesehen und waren alle furchtbar erschüttert." Immerhin konnte er bald in Erfahrung bringen, dass Familie und Freunde wohlauf sind. Aber er habe auch Bekannte, die jemanden bei den Anschlägen verloren haben. "Das ging mir plötzlich schon ganz nahe."

Harald Leibrecht war früher selbst beruflich häufig im World Trade Center tätig. Ein Freund hielt sich einen Tag vor den Terroranschlägen in einem der beiden Türme auf. Angst, in die USA zu reisen, hat Leibrecht aber nicht. Im Gegenteil: "Ich freue mich jedes Mal, das Land besuchen zu dürfen." Nach wie vor ist er regelmäßig, wie er sagt, "in den Staaten".

Seit 2002 sitzt Harald Leibrecht für die FDP im Deutschen Bundestag. Seiner Partei trat er 1984 unter Außenminister Hans Dietrich Genscher bei. Im gleichen Jahr wurde er Geschäftsführer der "Schiller International University", einer privaten Hochschule, die heute Standorte in London, Paris, Madrid, Heidelberg und in Largo (Florida) hat. Gegründet wurde sie 1964 von seinem Vater Walter Leibrecht in den USA; zuerst als Austauschprogramm für US-Studenten, um denen Deutschland näherzubringen und um zu zeigen, dass "wir eine starke Demokratie sind".

Leibrechts Leidenschaften, Amerika und Bildung, ziehen sich durch seine politischen Tätigkeiten: In der aktuellen Legislaturperiode ist er Mitglied im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, stellvertretender Vorsitzender des Unterausschusses Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik, stellvertretendes Mitglied des Auswärtigen Ausschusses sowie des Finanzausschusses. Und er ist Vorsitzender der Landesgruppe Baden-Württemberg seiner Fraktion. Denn Leibrechts Heimat - das hört man - ist Baden-Württemberg. Sein Wahlkreis Neckar-Zaber liegt im Norden Ludwigsburgs. Hier im "Ländle" ist er zur Schule gegangen. Heute lebt er, wenn er nicht gerade in Berlin oder jenseits des Atlantiks weilt, gemeinsam mit Frau und vier Kindern in Klein-Ingersheim nahe Brackenheim, dem Geburtsort des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss (FDP). Sein "Lebensmittelpunkt soll Deutschland bleiben", sagt Leibrecht, aber mit der neuen Aufgabe als Koordinator wird er weiterhin"viel Zeit in Amerika verbringen".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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