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Thomas Nehls
Blick vom Balkon aufs brennende World Trade Center

NEW YORK Ein deutscher Journalist macht sich auf den Weg zur Arbeit - und landet in einem Berichtsmarathon über die Attacken vom 11. September

Es begann kurz vor 15 Uhr deutscher Zeit am 11. September 2001. Meine Frau hatte mich am amerikanischen Morgen gegen 8.50 Uhr auf den Balkon unserer Wohnung in Manhattan gerufen. Von der 35. Etage aus hatte sie an jenem herbstlichen Sonnentag bei freiem Blick in Richtung Süden den Nordturm des World Trade Center brennen gesehen - genauer sein oberes Drittel. Ich wollte gerade mit dem Aufzug in die Lobby fahren und mich auf den Acht-Minuten-Fußweg ins New Yorker ARD-Studio machen. Der Griff zum Telefon führte noch vor den 15-Uhr-Nachrichten in Deutschland zum ersten Radio-Bericht im WDR2-Mittagsmagazin. Auf die Frage des Moderators nach dem möglichen Grund für den Brand waren von mir allerdings vor allem Spekulationen zu vernehmen. Die Erinnerung an das verheerende, bei Renovierungsarbeiten entstandene Feuer auf dem Düsseldorfer Flughafen hatte sich aufgedrängt; die immer wieder in den USA von Selbstmördern (nicht Selbstmordattentätern) in Gebäude gelenkten Kleinflugzeuge fielen mir ein.

Zwei Wünsche

Dass es eine stattliche Zivilmaschine war, hatte ich vom Balkon aus nicht sehen können. Noch oder schon wieder auf dem Sender, sah ich wieder nur das Resultat: Das zweite Flugzeug war in den Südturm gerast und hatte dessen Glas-Stahl-Körper diagonal aufgeschlitzt. In diesen Momenten hoffte ich nur, dass nicht ein weiteres Flugzeug nun in das von uns etwa 600 Meter entfernte Empire State Building fliegen würde und dass unser Festanschluss durchhalten möge - und nicht, wie bereits beim Handy, die telefonische Kommunikation im Keim erstickt würde. Beide Wünsche gingen in Erfüllung.

Erst zweieinhalb Stunden nach den Anschlägen verließ ich meine "Dauersprechstelle" auf dem Balkon und machte mich auf den Weg ins ARD-Studio. Dort hatte mein Radio-Kollege Carsten Vick den ersten Berichtsmarathon hinter sich. Der Fernseh-Mannschaft hingegen fehlte der Korrespondent. Er war in Kanada und konnte nicht zurückfliegen, weil der Luftraum über New York großflächig gesperrt worden war. So absolvierte ich wechselweise Auftritte in deutschen Radio- und Fernsehprogrammen und weiß seitdem, was es heißt, bimedial im Dauerstress zu sein.

Unsere TV-Producerin Annemarie Kammerlander vollbrachte ein wahres Wunder: Mit zunehmendem Chaos wegen mangelnder Informationszufuhr bei stetig steigender Berichtsnachfrage aus Deutschland praktizierte sie gelebte Gelassenheit und zog mich mit in diese vermeintliche Ruhestellung.

Für eigene Recherchen war zunächst keine Zeit - zumal umgehend die Straßen und später ganze Viertel um Ground Zero herum hermetisch abgeriegelt wurden. Nachhaltig bis heute wirken die Eindrücke von zwei Orten, die zumindest für Journalisten erreichbar waren. An einer Stelle war man freilich fast allein; man traf in den Krankenhäusern Manhattans zwar zuhauf Personal, aber kaum Patienten an: Die der Trümmerlandschaft entkommen waren, bedurften erstaunlicherweise nur selten ärztlicher Hilfe; für die fast 3.000 anderen war es zu spät.

Der andere Ort war die kleine St. Paul´s Chapel, die in unmittelbarer Nähe des World Trade Centers unversehrt geblieben war und als Rückzugsort für übermüdete Feuerwehrleute und andere Helfer diente. Das 1776 erbaute Gotteshäuschen sollte einst allen Trost spenden, die fern der Heimat waren. Der Zufluchtsort galt schon damals als "Kapelle der Erleichterung". Noch Wochen nach der Katastrophe war der kleine Garten der Anlage von dickem Staub und Betonbrocken bedeckt.

Zur Tagesordnung übergegangen ist die Berichterstattung in der für mich faszinierendsten Stadt der Welt auch zehn Jahre danach noch nicht. Natürlich wird 9/11 nicht erwähnt, wenn es um die Wall Street geht, um die UN oder die New Yorker Fashion Week. Spätestens aber in Reports über den Arbeitsmarkt und die Immobilienbranche fehlt selten die neue Zeitrechnung: before or after - vor oder nach 9/11. Schließlich markiert jener Tag auch eine Wende in New Yorks Dasein als Touristenziel. Nicht, dass niemand mehr käme; die Anziehungskraft der Metropole ist ungebrochen. Allerdings nicht mehr ihre Gelassenheit. Dafür sorgen schon die sich häufig martialisch gebenden Polizisten und anderen allgegenwärtigen Sicherheitskräfte. Vielleicht sollten die sich von meiner ehemaligen Kollegin im ARD-Studio New York, Annemarie Kammerlander, mal coachen lassen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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