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Aschot Manutscharjan
Der große Irrtum

AL-QAIDA Die islamische Welt hat sich dem »Heiligen Krieg« verweigert. Ein Glaubenskampf ist entstanden

Osama bin Laden wurde am 2. Mai 2011 getötet. In einer ersten Reaktion betonte US-Präsident Barack Obama: "Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan." Er hatte den Befehl gegeben, den Massenmörder zu liquidieren und der Hydra so einen Kopf abzuschlagen. Es gebe keinen Zweifel, dass Al-Qaida weitere Terroranschläge durchführen wolle, betonte Obama. Der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus sei noch nicht zu Ende.

Vor 15 Jahren, am 23. August 1996, hatte Osama bin Laden den USA förmlich den "Heiligen Krieg" erklärt. Die Supermacht war so dreist gewesen, Saudi-Arabien "zu besetzen - das Land der beiden heiligen Stätten". Außerdem rief bin Laden seine Glaubensbrüder auf, sich gegen "die Koalition der Juden und Kreuzfahrer" zusammenzuschließen und die "Angreifer" zurückzudrängen, denn sie verübten "Massaker an den Muslimen". Gleichzeitig versuchte der islamistische Gotteskrieger mit den Terrorangriffen vom 11. September 2001 eine Eskalation hin zu einem globalen Glaubenskrieg zu erreichen: Washington sollte zu Vergeltungsschlägen in Afghanistan provoziert werden, um so mehr als eine Milliarde Muslime in einen "Heiligen Krieg" gegen den Westen hineinzuziehen.

Verweigerung des Heiligen Krieges

Zehn Jahre später wissen wir: Osama bin Laden hat versagt, seine Rechnung ist nicht aufgegangen. Die islamische Welt, die Umma, verweigerte sich seinem einseitig proklamierten "Heiligen Krieg". Obwohl es Experten gab, die nach dem 11. September einen Anstieg der religiösen Rebellion und eine Globalisierung der religiösen Gewalt vorausgesagt hatten. Tatsächlich waren jedoch der Krieg der USA im Irak, die ungelöste Palästina-Frage und die ungerechten sozialen Verhältnisse in der islamischen Welt für die höhere Gewaltbereitschaft verantwortlich. Die überwältigende Mehrheit der Muslime will jedoch in Frieden leben, kein islamischer Staat hat sich an bin Ladens globalem Religionskrieg beteiligt.

Auch bin Ladens Idee eines "weltweiten Martyriums der Muslime" ist gescheitert: So förderte der 11. September die Frustration in der Umma weit stärker als vom Terror-Paten erwartet. Obwohl in der Folge zu allem entschlossene Terroristen durch eine Welle medienwirksam inszenierter brutaler Anschläge von sich reden machten, kommt dieser blutige Dschihad insgesamt einer Niederlage gleich. Zu Recht weisen die Islam-Experten Gilles Kepel und Kai Hafez darauf hin, dass es Osama bin Laden nicht gelang, die Umma für seinen "Heiligen Krieg" zu gewinnen. Nimmt man allein die Zahl der bei Terrorakten ermordeten Menschen, stellt man fest, dass das angestrebte Märtyrertum zu einem innerislamischen Glaubenskrieg führte: Heute stehen Säkularisten gegen Islamisten, Reformer gegen Konservative, Schiiten gegen Sunniten - und die Terroristen sind isoliert.

Bislang konnten die Terroranschläge in Europa nur einzelne Muslime und Konvertiten für das "Heilige Kalifat" mobilisieren. Nicht zuletzt deshalb kritisiert Islam-Kenner Olivier Roy die Überbetonung der Bedeutung Al-Qaidas als der globalen Gefahr des 21. Jahrhunderts. Laut Roy war es ein zentraler Fehler, dass der US-Regierung nach dem 11. September quasi eine Blankovollmacht erteilt wurde, die emotionale (Über-)Reaktionen einschloss. Damit erreichte der Westen das Gegenteil: Anstatt eine kleine Terrorbande zu vernichten, gewann Al-Qaida an Einfluss. Im Zuge der Kriege im Irak und in Afghanistan brachte Europa eine neue Welle von Terroristen hervor, allesamt europäische Konvertiten, die sich vor dreißig Jahren eher der extremen linken oder extremen rechten Szene angeschlossen hätten.

Die zu beobachtende Radikalisierung der in den westlichen Gesellschaften lebenden jungen Muslime ist zuerst eine Folge der Globalisierung, die ihnen mehr Probleme bereitet als ihren einheimischen Altersgenossen. Sie müssen ihre Entwurzelung in der Fremde verkraften. Niemand ist schon deshalb integriert, weil er die Sprache des Gastlandes versteht. Außerdem klaffen die Wertesysteme weit auseinander: Einerseits die Traditionen vorindustrieller Gesellschaften, die jungen Muslimen in Familie und Moschee vermittelt werden, andererseits das westliche Wertefundament, das ihnen im Alltagsleben begegnet. Dieser offenkundige Widerspruch bringt junge islamische Neofundamentalisten hervor, deren sich Osama bin Ladens Nachfolger Ayman Al-Zawahiri in den sozialen Netzwerken nur zu bedienen braucht; ein islamisch motivierter Terrorismus besteht fort. Allerdings ist auch richtig, dass die Millionen Muslime, die jüngst in der arabischen Welt demonstrierten, nicht im Namen bin Ladens auf die Straße gingen, sondern für Menschenrechte, Freiheit, Gerechtigkeit, demokratische Reformen und bessere Lebensbedingungen. Die junge Generation der Umma sieht die Al-Qaida als das, was sie ist: eine kleine Sekte, deren Ziele sie nicht ansprechen.

Gefahr Einzeltäter

Laut US-Präsident Obama geht die größte Gefahr eines terroristischen Angriffs heute von einem Einzelgänger aus, "einem einsamen Wolf". Einen massiven, gut koordinierten Terrorangriff schließt er aus. Die bedrohten westlichen Staaten konnten durch ihre Anti-Terrormaßnahmen die Operationen islamistischer Organisation auf ihren Territorien nahezu vollständig unterbinden. Auch die von der rot-grünen Bundesregierung 2001 beschlossenen Anti-Terror-Gesetze trugen dazu bei, dass in Deutschland bis heute kein Terroranschlag gelungen ist. Nur in der virtuellen Welt können sich die Terroristen noch frei bewegen.

Der Autor ist freier Publizist und Autor

und lebt in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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