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Susanne Kailitz
Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen

TERRORISMUS Ein Vergleich zwischen Al-Qaida und RAF lohnt sich: Es gibt viele Gemeinsamkeiten, aber auch etliche Unterschiede

In der Gefühlswelt der Menschen ist die Sachlage relativ eindeutig: Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid im Sommer 2007 hielten fast drei Viertel der Deutschen den islamistischen Terror für gefährlicher als den der Roten Armee Fraktion (RAF) in den 1970er-Jahren. Immer dann, wenn bekannt wird, dass Anschläge geplant, aber verhindert wurden, steigt die gefühlte Bedrohung an - heute wie auch vor 40 Jahren, als die Zeitungen mit Schlagzeilen zu Anschlägen der linksrevolutionären Terrorgruppe aufmachten.

Die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen: Das ist das große Ziel von Terroristen, egal welcher Couleur. Und so groß die Unterschiede zwischen RAF und Al-Qaida etwa hinsichtlich Ideologie und Opferzahlen sind, so starke Übereinstimmungen finden sich in Strategie und Aktion. In ihrem Buch "Was Terroristen wollen" kommt Louise Richardson, Politik-Professorin an der renommierten Harvard-Universität, zu dem Schluss, allen Terroristen gehe es letztlich um drei Motive: Rache, Ruhm und Reaktion. Egal, ob es sich wie bei der RAF um eine sozialrevolutionäre Gruppe handelt, die den Kapitalismus abschaffen will, oder wie bei Al-Qaida um Terroristen, die eine religiös begründete Ideologie verfolgen, laut Richardson denken alle ähnlich wie die Attentäter, die im Sommer 2005 Bombenanschläge in der Londoner U-Bahn verübten: "Indem sie ihr Leid zufügten, dachten sie vermutlich, zwangen sie die britische Öffentlichkeit, das zu ernten, was sie in der muslimischen Welt gesät hatte."

Auch wenn die Opferzahlen der RAF-Anschläge nicht an die des Al-Qaida-Terrors heranreichen, ging es beiden Gruppen darum, im Namen politischer Zwecke gewaltsam gegen Menschen vorzugehen. Während Al-Qaida-Chef Osama bin Laden 1998 ganz offen schrieb, es sei die Pflicht eines jeden Muslims, "die Amerikaner und ihre Alliierten, Zivilisten und Soldaten gleichermaßen zu töten", versuchte die RAF nach außen hin, ihren Kampf auch damit zu legitimieren, dass sie bei der Auswahl ihrer Opfer zwischen unbeteiligten Zivilisten und Repräsentanten des Staates unterschied. "Doch dabei darf man der RAF nicht auf den Leim gehen", sagt der Medienwissenschaftler Andreas Elter, "die Leibwächter von Hanns-Martin Schleyer sind ja auch ohne Hemmungen ermordet worden."

Vehikel Massenmedien

Für Elter besteht die größte Gemeinsamkeit der beiden Terrorgruppen jedoch nicht in der Skrupellosigkeit ihres Mordens, sondern im Einsatz einer medialen Strategie. So habe die RAF immer bewusst auf die Massenmedien gesetzt, die über jeden Aspekt im Wirken der Gruppe berichtet hätten. Genau das mache auch die Al-Qaida, wenngleich sie Dank der heutigen technischen Möglichkeiten leichter geheim operieren und gleichzeitig die Öffentlichkeit über ihre Taten in Kenntnis setzen könne. Elter ist sicher: "Hätte es zu den Zeiten der RAF die Möglichkeiten des Internets gegeben, hätten Andreas Baader und Ulrike Meinhof dieses Medium genauso genutzt wie die heutigen Terrorgruppen."

Es sind sicher auch die weniger entwickelten technischen Voraussetzungen, unter denen Meinhof & Co agierten, die Autoren wie den Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar zu dem Schluss kommen lassen, im Vergleich zu Al-Qaida sei die RAF "provinziell" gewesen. Obwohl man angesichts der Geiselnahme Schleyers und der Entführung der Lufthansa-Maschine gedacht habe, es gebe keine Steigerungsformen mehr, hätten die Anschläge islamistischer Terroristen dies rückblickend relativiert. Diese gelten zudem grundsätzlich als Form eines international agierenden Terrorismus, der von großer globaler Mobilität gekennzeichnet ist und sich vermehrt neuer Anschlagsformen bedient.

Auch die Strukturen der Gruppen sind für diese Wahrnehmung ausschlaggebend: Während es sich bei der RAF um eine streng hierarchisch gegliederte Gruppe aus maximal 20 Personen handelte, ist die Al-Qaida zu einer Art Franchise-Unternehmen geworden, dessen Label sich jeder bedienen kann - und soll -, der etwas zum Kampf gegen die Unterdrückung der Muslime beitragen will. Das erlaubt es der Al-Qaida auch, Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund für ihre Ideologie zu gewinnen. Obwohl es bei Al-Qaida durchaus Diskussionen um die richtige Ideologie und Strategie gebe, lasse sie letztlich ihre Ziele bewusst so offen, "dass es theoretisch immer möglich ist, irgendwo auf der Welt Unrecht auszumachen, das von Ungläubigen verübt wird - und so Personal zu rekrutieren", so Elter. "Die RAF konnte dagegen diejenigen, für die sie vermeintlich als Avantgarde kämpfte, nie überzeugen und an sich binden."

Ungeheuer überschätzt

Dennoch reagierte der Staat auf die Bedrohung durch die RAF mit aller Härte - die wiederum in der Antwort auf den islamistischen Terror noch gesteigert wurde. Für viele Experten war genau das der falsche Weg: Die RAF "so ungeheuer durch den Staat zu überschätzen, war ein Riesenfehler", sagt Andreas Elter, "damit hat man diesen Leuten genauso in die Hände gespielt, wie man es jetzt tut, wenn man zunächst bei jedem Anschlag einen islamistischen Hintergrund vermutet." Auch Louise Richardson warnt davor, angesichts terroristischer Bedrohungen demokratische Werte einzuschränken. Genau diese Prinzipien zählten "zu den stärksten Waffen in unserem Arsenal. Wir müssen uns nur daran erinnern".

Die Autorin ist freie Journalistin in Dresden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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