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Rolf Clement
Nette Nachbarn

DEUTSCHLAND Islamistische Attentäter sind oft völlig integrierte junge Männer. Am unberechenbarsten sind Einzeltäter

Als am 2. März 2011 ein in Deutschland lebender Kosovo-Albaner zwei US-Soldaten am Frankfurter Flughafen ermordete und zwei weitere verletzte, nahm die deutsche Öffentlichkeit dies erst mit einigen Tagen Verspätung und ohne großes Echo als Anschlag eines islamistischen Terroristen gegen US-Soldaten wahr. Für viele war es ein Verbrechen, das sie nicht als ein politisches einstuften. Tatsächlich war es jedoch der erste islamistische Mordanschlag in Deutschland, der ausgeführt werden konnte.

Schon öfter stand Deutschland kurz vor einem Anschlag. Die beiden spektakulärsten Attentatsplanungen waren die der beiden Kofferbomber, die im Juli 2006 zwei Regionalzüge im Großraum Köln in die Luft sprengen wollten, und die so genannte Sauerland-Gruppe, also jene vier Islamisten, die im September 2007 im Sauerland bei der Vorbereitung von Anschlägen festgenommen wurden. Die Liste frühzeitig aufgedeckter Taten ist noch länger. Auch wurden Anschläge in Deutschland vorbereitet, die anderswo verübt wurden.

Die Bedrohung ist allgegenwärtig. Im November 2010 hat der damalige Innenminister Thomas de Maizière (CDU) eine konkrete Terrorwarnung erlassen, da die damals vorliegenden Erkenntnisse befürchten ließen, dass ein Anschlag unmittelbar bevorstehen könnte. Als Folge der intensivierten Fahndung wurde eine Gruppe in Düsseldorf und Bochum festgenommen. Doch obwohl die konkrete Warnstufe wieder heruntergefahren wurde, gilt: Die Gefahr ist dauerhaft vorhanden. Über 100 in terroristischen Ausbildungslagern im pakistanischen Waziristan trainierte junge Männer leben hierzulande. Zum Vergleich: Die Kommandoebene der RAF umfasste rund 20 Personen.

Zwei Täterprofile

Die Bedrohung kommt von zwei Seiten: Zum einen planen Akteure wie die Sauerland-Gruppe mit Unterstützung oder auf Anweisung von terroristischen Vereinigungen in Waziristan Anschläge, die aufgrund ihrer Größe und des Planungsaufwandes eher als andere zu entdecken sind. Zum anderen tauchen immer wieder Einzeltäter auf, die sehr schwer vorab auszumachen sind, weil sie kleine Anschläge planen - die trotzdem gravierende Auswirkungen haben können - und wenig Kommunikation betreiben. Als Beispiele dienen die beiden Kofferbomber und der Täter von Frankfurt, gegen den die Bundesanwaltschaft im Juli Anklage erhoben hat.

Die Täter kommen aus unterschiedlichen Regionen. Die Kofferbomber kamen aus dem Libanon, der Frankfurter Attentäter aus dem Kosovo aber er lebte schon lange in Deutschland. Die Terrorplaner der Sauerland-Gruppe hatten alle einen deutschen Pass, zwei von ihnen sind gebürtige Deutsche. Sie sind radikalisiert worden, im Wesentlichen im damaligen Multi-Kulti-Haus in Neu-Ulm, das später von der bayerischen Landesregierung geschlossen wurde, und in einer Moschee in Bonn-Beuel.

In Moscheen wie jener in Bonn - aber auch in Hamburg, Braunschweig und Berlin - finden am Rande der normalen Aktivitäten Seminare statt, auf denen jene Thesen vorgetragen werden, die besonders bei jungen Männern, zunehmend aber auch bei Frauen, zum Abgleiten in den Terrorismus führen. Sie kommen in Ausbildungslager, um ideologisch und militärisch auf ihre Terror-Karriere vorbereitet zu werden. In der Regel sind junge Menschen anfällig, die in ihrem Leben den Halt verloren haben, die in Familie oder Beruf keine Perspektive sehen.

Oft sind es junge Männer, die völlig integriert waren. Ein besonders gutes Beispiel dafür sind die Bonner Brüder Mounir und Yassin Chouka, die immer wieder in Propaganda-Videos für den Heiligen Krieg werben. Die beiden waren in ihrem Bonner Umfeld angesehen und beliebt. Yassin wurde an seiner Schule zum beliebtesten Abiturienten gewählt. Nach Ableistung des Grundwehrdienstes und einer Ausbildung traten sie für ihr Umfeld völlig überraschend den Weg nach Afghanistan an.

Manch einer, der nach seiner Ausbildung in Waziristan nach Deutschland zurückkommt, bleibt zunächst im Verborgenen. Es gibt keine organisatorische Zusammenfassung der "Waziristan-Veteranen". Jeder geht seinem Leben nach. Ob und wie sie dann zu einem Kommando zusammengestellt werden, wird entweder von Waziristan aus gesteuert - oder einer, der von der Gruppe in Pakistan zum "Emir" ernannt wurde, stellt sich die Gruppe zusammen.

Internationale Verbindungen haben diese islamistischen Terroraktivisten wenig. Zwar gibt es immer mal wieder Hinweise von ausländischen Diensten - auch von deutschen an ausländische Behörden. Aber eine enge Zusammenarbeit gibt es kaum, wenn man davon absieht, dass sich in Deutschland Terroristen auf ihre Taten in anderen Ländern vorbereitet haben. Der spektakulärste Fall der Tatvorbereitung in Deutschland ist die Planung eines Anschlags auf den Straßburger Weihnachtsmarkt, der am 23. Dezember 2000 verübt werden sollte, aber vorher aufgedeckt wurde. Insofern stellt auch Deutschland eine Drehscheibe für den internationalen Terrorismus dar.

Die Tatsache, dass der Anschlag in Straßburg im Jahr 2000 geplant war, zeigt, dass schon vor dem 11. September 2001 der islamistische Terrorismus eine Bedrohung war - auch hierzulande. Er ist international durch die Anschläge auf New York und Washington ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gelangt. Da Deutschland mit Ausnahme des Anschlages im März dieses Jahres bisher verschont wurde, ist dieses Bewusstsein bei uns wieder abgeflacht.

Rolf Clement ist Redakteur beim Deutschlandfunk und Autor des Buches "Die Terroristen von nebenan".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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