Inhalt

Andreas Förster
Nur die Stimme ist geblieben

AUSSTEIGER Yannick Nasir hat sich als bislang einziger deutscher Gotteskrieger von der Islamistenszene gelöst

Als die Frage kommt, was er sich von der Zukunft erhofft, schweigt Yannick Nasir lange. "Mein Traum für die Zukunft ist", sagt er schließlich zögernd, "dass ich ein ruhiges und sicheres Leben habe. Dass ich einfach in Sicherheit leben kann, ohne mir ständig irgendwelche Gedanken machen zu müssen." Yannicks Stimme ist klar und deutlich. Man spürt, das ist ein ernsthafter junger Mann, der genau darüber nachdenkt, was er sagt. Einer, der es ehrlich meint. Einer, dem man gern in die Augen sehen möchte.

Aber das geht nicht. Yannick heißt nicht mehr Yannick. Er sieht wohl auch nicht mehr so aus, wie ihn seine Familie und seine Freunde in Erinnerung haben. Und er lebt nicht mehr dort, wo man ihn kennt. Yannick musste verschwinden. Weil er leben möchte.

Nur seine Stimme ist geblieben. Der Radioreporter Holger Schmidt hat sie aufgenommen, im vergangenen Jahr, als er sich drei-, viermal zu langen Gesprächen mit Yannick traf. In unterschiedlichen Städten, in anonymen Hotelzimmern. Ein Radiofeature ist daraus entstanden über den ersten und bislang einzigen deutschen Aussteiger aus der Islamistenszene. Es erzählt die Geschichte eines heute 24-jährigen Mannes, der sich von seinen radikalen Freunden löste und mit der eigenen Familie brach. Der vor Gericht als Kronzeuge ausgesagt und dadurch seinen Stiefvater, der ein Mitglied der Terrororganisation Al-Qaida war, für acht Jahre hinter Gitter gebracht hat. Der deshalb im Zeugenschutzprogramm des Landeskriminalamts (LKA) Rheinland-Pfalz ist. "Für mich hat sich das in keinster Weise gelohnt", sagt er. Er habe sehr viel einbüßen müssen, sehr viel Lebensqualität verloren. "Aber ich bin trotzdem froh, es getan zu haben. Und ich bereue es keine Sekunde."

Vor ein paar Jahren noch hätte Yannick es sich nicht träumen lassen, einmal gegen seine Freunde und seine Familie zu stehen. Da war er selbst ein radikaler Gotteskrieger, der mit dem Gewehr in Afghanistan gegen die Ungläubigen und Amerika kämpfen wollte.

Überzeugter Dschihadist

Im Juli 2002 hatte diese Entwicklung begonnen. Damals siedelt er mit seiner Mutter und den beiden Halbschwestern von Deutschland nach Lahore in Pakistan um. Der Vater will das so, ein radikaler Moslem aus Pakistan. Aleem Nasir heißt er, er ist heute 49 Jahre alt. Am 11. September 2001, als ein Al-Qaida-Kommando Passagierflugzeuge in die New Yorker Twin Towers und das Pentagon steuerte, hörte Yannick seinen Stiefvater jubeln. "Allahu Akbar" habe er gerufen, Allah ist groß, und "Darabu Amrika", sie haben Amerika geschlagen, erinnert sich Yannick. Zu dieser Zeit war sein Stiefvater längst in der Islamistenszene in Deutschland unterwegs, sammelte Geld für die pakistanische Terrorgruppe Lashkar-e-Taiba. 2008 machte die Organisation Schlagzeilen, weil sie hinter dem blutigen Anschlag auf die indische Hafenstadt Mumbai gesteckt haben soll.

Als Yannick mit Mutter und Halbschwestern nach Pakistan geht, ist er 15 Jahre alt. Seinen Realschulabschluss hat er noch nicht gemacht, aber für den Stiefvater spielt das keine Rolle. Er schickt den Jungen auf eine islamische Religionsschule mit eigenem Internat. 2003 bringt er ihn dann in ein Ausbildungslager der Lashkar-e-Taiba. Für die Organisation ist der Stiefvater da noch eine Art Statthalter in Europa. Und ihn habe er zu seinem Stellvertreter machen wollen, erinnert sich Yannick später. "Er wollte, dass ich anfange, so zu denken wie er."

Anfangs hat der Stiefvater damit Erfolg. Yannick ist 2003, 2004 ein überzeugter Gotteskrieger. Aber Lashkar-e-Taiba ist ihm damals nicht mehr radikal genug. Weil ihr Anführer im Gefängnis sitzt, beteiligt sich die Gruppe nicht mehr am Dschihad in Afghanistan. Als der Stiefvater dann von einem Al-Qaida-Funktionär erfährt, dass die in Europa gesammelten Spenden von Lashkar-e-Taiba längst nicht mehr an die Kämpfer weitergeleitet werden, ist er empört.

Aleem Nasir tritt nun in die Dienste von Al-Qaida ein. Seine Familie holt er nach Deutschland zurück. Yannick bekommt mit, wie sein Stiefvater von der Wohnung in Germersheim aus Geld, Laptop, Schusswesten, Zielfernrohre und Ferngläser ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet schmuggelt und für Al-Qaida-Kämpfer rekrutiert.

Ein deutscher Soldat

Wieder in Deutschland, scheint Yannick der Dschihad weit weg. Und auch mit dem Stiefvater kommt er immer weniger zurecht. Der regiert die Familie mit harter Hand, schlägt Frau und Töchter. Auch Yannick wird regelrecht ausgebeutet. Als er in den Ferien bei Daimler arbeitet und mehrere Tausend Euro verdient, nimmt ihm der Stiefvater das Geld ab. Dann kommt es im September 2005 zur direkten Konfrontation zwischen den beiden. Yannick kommt spät in der Nacht nach Hause, nachdem er sich mit einem Mädchen getroffen hatte. Der Vater schlägt ihn zusammen, will den Namen des Mädchens aus ihm herausprügeln. Schließlich kommt die Polizei, bringt Yannick, der massive Verletzungen hat, ins Krankenhaus.

In ihm reift der Entschluss, die Familie zu verlassen. Er weiß, es ist eine Abkehr für immer. Er will in die USA, doch ohne Green Card geht das nicht. Dann stößt er auf die französische Fremdenlegion. Die bieten Geld und eine neue Identität - beides braucht er, um die Familie zu verlassen. 2007 meldet er sich bei der Fremdenlegion an, schafft aber nicht alle Prüfungen.

Bei der Bundeswehr hat er mehr Glück: Er verpflichtet sich für zwei Jahre bei der Marine, fährt zum Einsatz vor die Küste Libanons. Mit dem Dschihad hat Yannick da nichts mehr am Hut. Er ist nun ein deutscher Soldat, stolz und selbstbewusst, akzeptiert von den Vorgesetzten, die wissen, aus welch komplizierten Verhältnissen er stammt. "Die Bundeswehr war jetzt meine Familie", blickt Yannick zurück. Eines Tages will ihn das Landeskriminalamt (LKA) Rheinland-Pfalz zu seinem Stiefvater befragen. "Da habe ich tief Luft geholt und gesagt, ich sage alles, aber nur, wenn ich meinen Job behalten kann." Und er packt aus: über die Geschäfte seines Vaters, die Kontaktpersonen, die Vertriebs- und Kommunikationswege zur Al-Qaida.

Für die Ermittler ist der ehemalige Gotteskrieger in Bundeswehruniform eine Goldgrube an Informationen. In den folgenden Jahren wird er in mehreren Terroristenprozessen in Deutschland als Kronzeuge aussagen. Die Zusage mit dem Job aber können die Fahnder nicht einhalten - weil die Bundeswehr nicht den Schutz vor Racheakten der Islamisten gewährleisten kann, wird Yannick vorzeitig entpflichtet. Er kommt in das Zeugenschutzprogramm des LKA.

"Mein Ziel war ja einfach nur, ich sage aus und gehe weiter militärisch meinen Weg", sagt Yannick im vergangenen November, als er sich ein letztes Mal mit dem Radioreporter trifft. "Ich hatte ein neues Leben. Doch das musste ich dann von heute auf morgen alles aufgeben."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag