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Holger Schmidt
Drohungen im Netz

INTERNET Islamistische Propaganda nutzt modernste Mittel

"Kommt zum Dschihad! Das ist der Weg zum Paradies!" Dieser schlichte Slogan aus einem deutschsprachigen Propaganda-Video steht stellvertretend für eine Entwicklung, die in den ersten Jahren nach dem 11. September 2001 undenkbar schien. Doch längst ist der "virtuelle Dschihad" auf den Computern deutscher oder deutschsprachiger Jugendlicher angekommen.

Mit technisch hoch anspruchsvollen Videos, die Stilelemente der Reportage mit Koranrezitationen und Vorträgen verbinden, berichten Kämpfer aus dem Kriegsgebiet. Authentisch sollen die Videos wirken. Offenbar sind sie es auch. Denn bei vielen Produktionen unterstellen die Analytiker deutscher Ermittlungsbehörden tatsächlich, dass sie mitten aus den Kampfgebieten kommen. Etwa aus Afghanistan, dem Irak, Jemen oder Somalia. Deutsche Videos gibt es vor allem aus Waziristan, dem Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan. Von hier berichten die deutschen Kämpfer über ihre Erfolge im Kampf gegen die "Ungläubigen", worunter sie nicht nur die Bundeswehr, die Amerikaner und andere westliche Bündnispartner verstehen, sondern auch die "Heuchler" der afghanischen Armee, die für die gemeinsame Sache mit dem Westen bekämpft werden.

»Weg ins Paradies«

Auch wenn diese Propaganda-Form virtuell genannt wird, so finden sich reale Belege für den Ernst dieser Videos. Der junge Saarländer Eric Breininger ist ein gutes Beispiel. Nach seinen Drohvideos aus dem Jahr 2008 wurde Breininger vom Bundeskriminalamt in Deutschland und am Hindukusch mit Steckbrief gesucht. Bis die Islamisten seinen Tod im Kampf verkündeten und mit grausamen Bildern der verstümmelten Leiche selbst belegten. Breininger hinterließ eine elektronische Autobiographie, deren Titel übersetzt ungefähr "Mein Weg ins Paradies" bedeutet. Seine Schilderungen geben einen Einblick, welchen Weg der 22-Jährige in den internationalen Terrorismus nahm: Nach der Konversion zum Islam stand für ihn der Kampf gegen die vermeintliche Unterdrückung der Muslime im Mittelpunkt seines Lebens - und wenn seine Biographie tatsächlich (nur) von ihm ist, dann war es ihm eine Freude, in diesem Kampf sein Leben zu lassen.

Eine Überzeugung, die 2008 auch der Türke Ömer Özdemir aus Sindelfingen bei Stuttgart teilte. Er wurde 2010 vom Oberlandesgericht Koblenz als Al-Qaida-Mitglied zu sechs Jahren Haft verurteilt. Im Prozess erklärte der ehemalige Versicherungsmakler und Handyverkäufer, er habe sich an den Videos aus dem Kriegsgebiet geradezu berauscht. 2007 und 2008 sei er nach Afghanistan gegangen, mit dem festen Wunsch, als Märtyrer zu sterben. Einen Feuerüberfall auf afghanische Soldaten beschrieb er vor Gericht bis ins kleinste Detail - allerdings widerrief er seine Schilderung einige Verhandlungstage später. Warum er denn diesen Überfall so plastisch schildern konnte, wenn er gar nicht stattgefunden habe, wollte die zweifelnde Vorsitzende Richterin Angelika Blettner vom Angeklagten wissen. Özdemir konterte: "Ich kenne den Überfall aus Videos."

Sessel-Dschihadisten

Das ist nicht ausgeschlossen: Inzwischen sind es weltweit Tausende Videos, die Angriffe, Anschläge und Attentate zeigen oder mit Bildern von toten und verstümmelten Kindern und anderen Gräueltaten zur Unterstützung der gewaltbereiten Islamisten aufrufen. Dafür werden verschiedene Wege gezeigt. "Wenn ihr nicht kommen könnt, schickt uns euer Vermögen", forderte etwa Eric Breininger in einem Video.

"Sessel-Dschihadisten" nennen deutsche Ermittler diejenigen, die solche Propaganda im Internet vertreiben. Über eigene Kanäle auf Videoplattformen wie Youtube. In großem Stil hat die "Globale Islamische Medienfront - deutsche Sektion" (GIMF) solche Videos ins Internet gestellt - unter anderem 19 Hinrichtungsvideos, die die Enthauptung von Geiseln teils detailliert zeigen.

Relativ neu ist das Hochglanzmagazin "Inspire". Es kursiert als PDF-Dokument im Layout einer professionellen Zeitschrift. Es ist auf englisch geschrieben und vereint in jeder Ausgabe mehrere Themen: Bauanleitungen für Sprengsätze, Verherrlichung von Märtyrern, religiöse Unterweisungen, blutige Reportagen über die unschuldigen Opfer der westlichen Aggressoren - das Standardthema der islamistischen Propaganda.

Ideologisch interessant ist, dass sich die sonst fundamentalistisch gebenden und jede Modernität ablehnenden Ideologen nicht scheuen, modernste Kommunikationsformen und Mittel zu benutzen. Videos erscheinen im Stil von MTV und Viva, Inspire lehnt sich an westliche Hochglanzmagazine an und das Video mit der Bombenbauanleitung für die Kofferbomber von 2006 benutzt Hollywood-Musik. Jedem Musikverbot der radikalen Islamisten zum Trotz.

Und so wundert es nicht, dass auch das soziale Netzwerk Facebook bei deutschen Islamisten immer beliebter wird. Der mutmaßliche Flughafenattentäter Arid U. hatte beispielsweise maßgebliche Propagandisten der Frankfurter Szene als virtuelle Freunde auf Facebook gewonnen, bevor er am 2. März 2011 zum Frankfurter Flughafen fuhr, um gezielt amerikanische Soldaten zu erschießen. Arid U. soll bei seinen Vernehmungen angegeben haben, kurz vor der Tat habe ihn ein Video derart empört, dass er sofort handeln musste. Denn er habe in dem Video gesehen, wie amerikanische Soldaten muslimische Frauen vergewaltigten. Das Bundeskriminalamt glaubt, das Video inzwischen identifiziert zu haben. Es soll aus einem amerikanischen Spielfilm stammen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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