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Christoph vom Marschall
Der nächste Anschlag kommt bestimmt

USA Die Bürger haben gelernt, mit der Bedrohung umzugehen. Ein Land zwischen erhöhten Sicherheitsstandards, Populismus und Freiheit

Die USA sind heute ein anderes Land als vor dem Schicksalstag 2001. Die Bürger leben im Gefühl, der nächste Anschlag komme bestimmt; es sei nur eine Frage der Zeit. Aber sie haben gelernt, mit der Bedrohung umzugehen. Wer Regierungsgebäude oder Museen in Washington betreten will, muss Taschen und Rucksäcke für eine Kontrolle öffnen und durch einen Metalldetektor gehen. Ähnliches gilt für die meisten öffentlichen Gebäude in New York und anderen Millionen-Städten. Viele Forschungseinrichtungen sind jetzt durch Metallzäune geschützt.

Früher durfte zum Beispiel jeder das Gelände der National Institutes of Health betreten und befahren. Dort wird unter anderem an gefährlichen Viren geforscht. Besucher haben weiter Zutritt - darunter Patienten aus allen Landesteilen, die an seltenen oder schwerwiegenden Krankheiten leiden und auf Heilung durch neue Therapien hoffen. Sie müssen sich nun aber ausweisen, ihre Autos werden auf Sprengstoff untersucht. Wer in die USA einreist, muss am Flughafen seine Fingerabdrücke und ein Porträtfoto hinterlassen. Wer abfliegt, muss bei der Sicherheitskontrolle die Schuhe ausziehen.

»Live free or die«

Andererseits soll man sich die Veränderungen durch 9/11 nicht zu umfassend und schon gar nicht flächendeckend vorstellen. Sie sind vor allem in den Metropolen sichtbar und an Orten, die schon immer einen höheren Sicherheitsstandard hatten wie Flughäfen, Regierungsgebäude und militärische Einrichtungen. Der Großteil Amerikas ist davon nicht betroffen. Fern der Hauptstadt Washington und des Finanzzentrums Manhattan leben die Bürger so unbesorgt wie eh und je. Das Capitol in Concord, der Hauptstadt New Hampshires, kann man weiterhin ohne jede Kontrolle betreten, obwohl das Parlament und der Gouverneur dort ihren Sitz haben.

Der Neuenglandstaat ist generell eine trotzige Bastion der Bürgerfreiheiten. "Live free or die", steht als Wahlspruch auf den Autokennzeichen. Auch in Cheyenne, Wyoming, ist man stolz darauf, dass jeder ungehinderten Zutritt zum Capitol hat und dass die Tür zum Amtszimmer des Gouverneurs offen steht. Wer nicht nur New York und Washington, Los Angeles und San Francisco besucht, sondern sich in die Weiten der USA aufmacht, nach Montana und North Dakota, nach Iowa und Missouri, nach Arizona und Texas, der wird vom Einfluss des Terrorangriffs vom 11. September auf den Alltag wenig spüren.

Joe Average, der Durchschnittsamerikaner, fühlt sich von der Verschärfung der Sicherheitsgesetze, den erweiterten Abhörmöglichkeiten und der Praxis der Terrorabwehr persönlich nicht sehr stark betroffen. Die meisten der 309 Millionen Einwohner glauben nicht, dass ihre Telefonate und E-Mails überwacht werden. Ihre Namen rutschen nicht versehentlich auf No-Fly-Listen, die sie am Fliegen hindern. Und sie haben keine Angehörigen in Guantanamo.

Robuste Abwehrmaßnahmen

Der Rückblick der Amerikaner auf die letzten zehn Jahre ist vergleichsweise milde. Mag sein, dass ihr Land aus heutiger Sicht damals überreagiert hat. Aber unter dem Schock des Anschlags konnte niemand wissen, wie groß die Gefahr war. 9/11 war der erste Angriff auf amerikanisches Territorium seit 60 Jahren - seit dem Überfall der Japaner auf Pearl Harbor 1941. Das Wichtigste für die Bürger ist, dass seit 2001 kein weiterer Terroranschlag mit unzähligen Toten in den USA gelungen ist. Versuche dazu gab es, doch das Land hatte Glück: etwa in den Weihnachtstagen 2009, als ein Kenianer Sprengstoff in seiner Unterwäsche an Bord eines US-Flugzeugs von Amsterdam nach Detroit schmuggelte. Oder am 1. Mai 2010, als eine am New Yorker Times Square deponierte Autobombe nicht explodierte. Für die Zeit um den Jahrestag 2011 warnen Experten vor Angriffen auf Züge und Ölraffinerien. Deshalb hat eine Mehrheit der Bürger wenig dagegen einzuwenden, wenn der Staat zu robusten Abwehrmaßnahmen greift. Ein Teil der Methoden, die Bush eingeführt hatte, erklärten Gerichte später für rechtlich bedenklich. Auch das bereitet den meisten Bürgern wenig Gewissensbisse. Sie sehen darin vielmehr den Beleg, dass ihr System von "Checks and Balances" funktioniert. Anwaltsverbände und Bürgerrechtsgruppen erzwangen diese Korrekturen.

Die öffentliche Stimmung der Angst vor neuen Anschlägen lebte freilich fort und auch der Populismus der meisten Abgeordneten. Sie stimmten 2006 lieber für ein neues Gesetz zum Umgang mit Terrorverdächtigen, das immer noch eine Reihe fragwürdiger Bestimmungen enthielt, als sich dem Vorwurf auszusetzen, sie seien "zu weich" und "zu liberal" bei der Terrorabwehr. Bei dieser Feigheit der Parlamentarier vor den Bürgern ist es bis heute geblieben. Sie ist das Haupthindernis für Präsident Obamas Pläne, Guantanamo zu schließen. Der Kongress legte ihm immer neue Hindernisse in den Weg - und zwar nicht erst, seit die Republikaner im November 2010 die Mehrheit zurück erobert haben. Auch in den Jahren 2006 bis 2010, in denen die Demokraten das Parlament dominierten, hatten die Versuche, Amerika von den überzogenen Reaktionen auf 9/11 zu befreien, wenig Erfolg.

Der Autor ist USA-Korrespondent

der Zeitung "Der Tagesspiegel".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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