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Tatjana Heid
Und nebenan der Islam

BERLIN Vorurteile und Angst führten zu wütenden Protesten beim Bau einer Moschee. Heute hat man sich aneinander gewöhnt

Könnte die Khadija-Moschee doch reden. Vielleicht würde sie dann von den Protestplakaten berichten, die ihretwegen hochgehalten wurden. Von der Wut, die ihr begegnet ist. Und davon, wie sie einen Ortsteil zerrissen hat. In die Versöhnlichen und die Wütenden. In Muslime und Christen. In Die-sollen-weg und Die-können-bleiben.

Doch die Moschee schweigt. Vor fünf Jahren war das rund 4.800 Quadratmeter große Grundstück im Berliner Stadtteil Heinersdorf Gegenstand erbitterten Streits. Der Bezirk Pankow hatte der Ahmadiyya Muslim Gemeinde erlaubt, dort ihre Moschee zu bauen. Anwohner wehrten sich mit Vehemenz. Gleichzeitig versuchten rechtsextreme Gruppierungen, die Proteste zu nutzen. Eine erste Informationsveranstaltung eskalierte derart, dass der Imam unter Polizeischutz den Saal verlassen musste.

Seitdem ist in Deutschland viel passiert: Thilo Sarrazin hat mit seinen Thesen zu Migration und Integration für einen erbitterten Streit in Politik und Gesellschaft gesorgt. Bundespräsident Christian Wulff erklärte, der Islam gehöre zu Deutschland.

Heute, fast drei Jahre nach ihrer Eröffnung, gehört die Moschee zu Heinersdorf - ungeachtet aller Proteste. Eher schüchtern als trotzig reckt sich das Minarett in die Höhe, mit seinen 13 Metern überragt es die Kuppel nur knapp. Das Licht aus den Gebetssälen erhellt am Abend den Parkplatz und strahlt bis auf die Straße. Menschen eilen in den Gebetssaal. Über die Moschee donnern Flugzeuge im Anflug auf Berlin-Tegel, drinnen ist es Zeit für das Abendgebet. Doch: Keiner ruft lautstark zum Gebet. Niemand versucht, die Anwohner zu missionieren. Der Wert der Grundstücke ist nicht gesunken. Die Befürchtungen der Anwohner haben sich nicht bewahrheitet.

Wenige Ausländer

"Die meisten kannten nur das negativ besetzte Bild aus den Medien", sagt Sandra Caspers. Die 41-Jährige lebt wenige Minuten Fußweg von der Moschee entfernt. Sie ist Gründungsmitglied der Aktionsgemeinschaft "Heinersdorf öffne dich" und Vorsitzende der "Zukunftswerkstatt Heinersdorf", die sich aus der spontan gegründeten Aktionsgemeinschaft entwickelt hat. Spontan, weil sie eine Reaktion war auf den fremdenfeindlichen Unterton und den offenen Hass in der Diskussion um die Moschee.

Die Gemeinde sei "frauenfeindlich, demokratiefeindlich und antisemitisch", propagierte etwa die Interessengemeinschaft Pankow-Heinersdorfer Bürger (ipahb), die sich ebenfalls als Reaktion auf die Moschee gegründet hat. Mit rechtsradikalen Gruppierungen - wie der NPD, die sich gegen den Bau der Moschee stark machte - wollen sie nichts zu tun haben. Die Absicht der Ahmadiyya, die kulturelle Nähe zu anderen zu suchen, nannten die Bürger "aggressive Missionierung und rücksichtslose Landnahme".

Auch Caspers sagt: "Ich war nicht begeistert vom Moscheebau." Jedoch sei es darum gegangen, einen anderen Ton anzuschlagen - einen toleranteren, gastfreundlicheren. Der Moscheebau verstoße nicht gegen deutsches Recht, heißt es auf der Homepage der Aktionsgemeinschaft. Daher dürften Vorbehalte und Befürchtungen nicht zur Grundlage politischer Entscheidungen gemacht werden.

Heinersdorf ist die Vorstadt in der Großstadt. Die Einfamilienhäuser sind von Zäunen umgeben, Kletterpflanzen winden sich an den Häusern hoch. Auf den Straßen liegt Kopfsteinpflaster. Dort, wo die Stadt aufhört und die Autobahn anfängt, wo sich Fastfood-Restaurants, Textil-Discounter und Tankstellen aneinanderreihen, ist es nicht das hippe Berlin, das schillernde Berlin, das Multikulti-Berlin.

Der Bezirk Pankow, zu dem Heinersdorf gehört, hat mit 6,8 Prozent einen relativ niedrigen Ausländeranteil. Zum Vergleich: Im Berliner Bezirk Mitte lag der Anteil Anfang 2011 bei 27,4 Prozent. Die Heinersdorfer dagegen hatten bis zum Moscheebau wenig Berührung mit Muslimen.

Etwa 250 Mitglieder umfasst die Ahmadiyya Muslim Gemeinde in Berlin, die meisten kommen aus Pakistan. Unter ihnen der Imam, Abdul Basit Tariq. Seine Ansprachen hält er zuerst auf Deutsch, bevor er sie ins Pakistanische übersetzt. Nicht alle in seiner Gemeinde sprechen fließend Deutsch.

Imam Tariq ist 63 Jahre alt, seit rund 30 Jahren lebt er in Deutschland. Die Möbel in seinem Wohnzimmer sind hell, einladend. Neben dem Fernsehgerät steht die Nachbildung eines Minaretts, daneben ein Modell vom Brandenburger Tor. Imam Tariq zappt von Peace TV Urdu zum Berliner Regionalsender. "Ich lebe gerne in Berlin", sagt er. "Die Stadt ist so bunt und liberal." Anschließend eilt er über den Vorplatz der Moschee zum Gebet. Sein Wohnhaus liegt auf demselben Grundstück.

Imam Tariq ist ein gemütlicher Mann, der seine Stimme nicht heben muss, um sich Gehör zu verschaffen. Seine Ansprachen hält er im Gebetssaal der Männer, per Lautsprecher werden sie in den ersten Stock zu den Frauen übertragen. Diese sitzen unter der Kuppel, teils auf dem Boden, teils auf Stühlen. Ihr Blick ist gen Osten gerichtet. Die Kopftücher sind gelb-pink, rot-orange, hellblau-mintgrün, schwarz.

Der Islam habe einen schlechten Ruf, sagt Imam Tariq. "Seit dem 11. September glauben viele, alle Moslems seien Terroristen." Die Folge sind diffuse Ängste. Dabei, betont er, bedeute der Islam Frieden. Terroristen seien politisch motivierte Verrückte, die mit dem Islam nichts zu tun hätten. Der Verfassungsschutz stuft die Ahmadiyya-Gemeinde als unbedenklich ein, ihr weltweites Motto lautet "Liebe für alle, Hass für keinen".

Kulturelle Grenzen

Doch ist es so ein Problem mit der Liebe: Drei Wochen vor den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus hängen auffallend viele Plakate der Partei "Pro Deutschland" in der Nähe der Moschee. Sie zeigen ein Gebäude mit Kuppel und zwei Minaretten, knallrot durchgestrichen. Die Plakate seien Symbol dafür, dass die Muslime es noch nicht geschafft hätten, über ihre Religion aufzuklären, sagt Imam Tariq. "Wir müssen mehr dafür tun."

Die Bemühungen sind da: Viele Nachbarn sind zur Moschee-Eröffnung im Herbst 2008 gekommen, zwischen 8.000 und 14.000 interessierte Nicht-Muslime haben sich seither das Gotteshaus angeschaut - Politiker, Studenten, Schüler, Theologen. Die Frauen der Moschee haben auf dem Heinersdorfer Dorffest Hennabemalung angeboten, zweimal haben sie mit den Frauen der "Zukunftswerkstatt Heinersdorf" gekocht - pakistanisch und deutsch.

Es waren schöne Veranstaltungen, findet Caspers. Problematisch sei jedoch, dass man sich nicht mit Männern und Frauen zusammen treffen dürfe. Gemeinsames Essen ist den Mitgliedern der Ahmadiyya-Gemeinde untersagt, Ausnahmen ausgeschlossen - zum Schutz der Frauen, wie Imam Tariq betont. Von fremden Männern könne Gefahr ausgehen. Die Ahmadiyya-Gemeinde gilt als sehr konservativ. "Die strengen Restriktionen erschweren die Vertiefung der Beziehungen", sagt Caspers. Der Austausch an sich sei nett, gehe jedoch nicht darüber hinaus. Auch mit Vertretern der ihapb hat sich Imam Tariq getroffen - ergebnislos. Beide Seiten sind sich fremd geblieben.

Leben und leben lassen

Was also bleibt unterm Strich? Der Keil in der Nachbarschaft sitzt tief: Manch einer wechselt die Straßenseite, wenn Caspers ihm entgegen kommt. "Moscheegegner", weiß sie dann. Die "Zukunftswerkstatt Heinersdorf" bietet mittlerweile Sportkurse an und hat im März ein Nachbarschaftshaus eröffnet. Die Moschee hat den Ortssinn gestärkt.

"Wir machen weiter", betont auch die ihapb auf ihrer Homepage und kündigt Mitgliederversammlungen an. Jedoch: E-Mails an die Interessengemeinschaft können nicht zugestellt werden, während der Sprechstunde bleibt das Büro - in einem alten Fabrikgebäude, direkt neben der Moschee - geschlossen. Der bekannte ihapb-Unterstützer René Stadtkewitz, ehemaliger CDU-Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus, hat im vergangenen Oktober die islamfeindliche Partei "Die Freiheit" gegründet.

Fremdenfeindliche Ausschreitungen gab es seit Eröffnung der Moschee jedoch nicht. Imam Tariq hat nach eigener Aussage keine Drohanrufe oder Schmähmails erhalten, die Berliner Polizei verzeichnete keine fremdenfeindlichen Übergriffe auf die Moschee.

Die Lage in Heinersdorf hat sich beruhigt, sagt Caspers. Viele, so glaubt sie, hätten gemerkt, dass es "so wild gar nicht ist" mit der Moschee in der Umgebung. Die Gemeinde nehme man kaum wahr. Wohnen die Bürger noch gerne in Heinersdorf? "Natürlich", antwortet Caspers. Und dann, nachdenklich: "Es hat sich ja nichts geändert."

Integration, so scheint es, bedeutet leben und leben lassen. Oder aber: einfach nebeneinander herzuleben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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