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Andreas Zick
Auf Angst folgt Misstrauen

GESELLSCHAFT Terroranschläge haben Auswirkungen auf den Umgang mit Muslimen. Zwar sind sie nicht Ursache von Islamfeindlichkeit, doch nähren sie den Argwohn

Die 9/11-Anschläge haben Auswirkungen gehabt, die weit in die Zukunft reichen. Sie haben nicht nur Leben zerstört, sondern auch große Teile der Bevölkerung in einen Zustand von Bedrohung versetzt, der die Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen beschädigt. Das Verhältnis zwischen Muslimen und Andersgläubigen, zwischen Zuwanderern und Mitgliedern der sogenannten Mehrheitsgesellschaften wurde erschüttert und von Distanz, Misstrauen und Feindseligkeiten geprägt. Die Ergebnisse der seit 2002 jährlichen Umfrage des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Deutschland sowie einer europäischen Vergleichsstudie, die das Institut im Jahr 2008 in acht Ländern vorgenommen hat, geben darüber Aufschluss.

Angst und Furcht

Die Terroranschläge erzeugten eine Furcht, die sich auf den Islam richtete. In der Europastudie gaben mehr als 50 Prozent der deutschen Befragten an, sie fürchteten sich davor, "dass islamistische Terroristen Deutschland angreifen". In England, das im Juli 2005 vom Terror überrascht wurde, war die Zustimmung zu dieser Aussage um sieben Prozent höher, aber auch in anderen europäischen Ländern teilte eine Mehrheit der Befragten diese Furcht. Das gilt ebenso für die Angst, selbst Opfer islamistischer Terroristen zu werden. Immerhin 29 Prozent der Deutschen befürchtete das. Zwar liegt die Angst in England mit 41 Prozent höher, aber auch in Ländern wie Portugal, in denen kein Anschlag verübt wurde, war diese Furcht ausgeprägt. Dabei wird leicht übersehen, dass die Mehrheit der Muslime in Europa diese Angst teilt.

Angst ist für die Abwehr von Gefahren sinnvoll, sozialpsychologisch kann sie sich aber zu einer kollektiven Furcht verallgemeinern, die Konflikte erzeugt, weil für diese Furcht bestimmte Gruppen verantwortlich gemacht werden. In der Europa-Umfrage meinten 17 Prozent der Deutschen: "Die Mehrheit der Muslime findet den Terrorismus gerechtfertigt." Noch mehr Zustimmung, nämlich von 30 Prozent der Befragten, fand die Aussage: "Muslime finden, Terroristen sind Helden" - obwohl Studien unter Muslimen das Gegenteil nachweisen.

Diese Terrorzuschreibung hat Konsequenzen: Die kollektiven Befürchtungen gehen mit einer sozialen Distanz gegenüber Muslimen einher. Nur 17 Prozent der befragten Deutschen meinten 2008, dass die muslimische Kultur gut nach Deutschland passt. Es ist der niedrigste Wert in Europa: In Frankreich und Portugal fanden immerhin jeweils 50 Prozent der Befragten, dass die muslimische Kultur gut in ihr Land passt.

Indem Muslime von der Mehrheitsgesellschaft getrennt werden, entwickeln sich weitere Abgrenzungen und Vorurteile. Die Furcht vor dem Terror wird vor allem von Überfremdungsängsten begleitet. So meinten 2008 etwa 39 Prozent der Deutschen: "Durch die vielen Muslime fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land." Der Anteil von Muslimen an der Gesamtbevölkerung beträgt in Deutschland rund sieben Prozent.

Die Überfremdungsängste basieren auf Vorstellungen einer homogenen Mehrheitsgesellschaft und der Abwehr kultureller Vielfalt. Es verwundert nicht, wenn die Angst vor dem Verlust der eigenen Kultur gepaart ist mit Misstrauen. 2005 glaubten mehr als 50 Prozent der Befragten der deutschen Studie: "Die vielen Moscheen in Deutschland zeigen, dass der Islam auch hier seine Macht vergrößern will." Zugleich unterstellten 52,5 Prozent der Deutschen in der Europastudie des Jahres 2008, der Islam sei eine Religion der Intoleranz.

In der Mitte der Gesellschaft

Die kollektive Furcht vor einer angeblich zu Terror und Unterdrückung neigenden Gruppe erzeugt Abneigung und Feindseligkeit. Diese Islamfeindlichkeit holt Bürger in ihrer Ohnmacht, ihrer Angst und ihrem Misstrauen ab, die sie selbst durch ihre Verdächtigungen erzeugt haben.

Islamfeindlichkeit hat sich in der Mitte der Gesellschaft stabilisiert, wie Umfragen seit 2002 dokumentieren. Dabei zeigt sich nicht nur nach einem Rückgang zwischen den Jahren 2005 und 2008 ein Anstieg der Islamfeindlichkeit auf das Ausgangsniveau des Jahres 2002. Der Anstieg geht dabei insbesondere auf gut situierte Bürger zurück. Ebenso steigt sie in der politischen Linken und unter Menschen, die ihre politischen Ansichten in der Mitte verorten. Das Bild des ungebildeten Fremdenfeindes aus der Unterschicht stimmt nicht. Ökonomische Benachteiligung, Arbeitslosigkeit oder eine depressive Einschätzung der Wirtschaftslage beeinflussen die Islamfeindlichkeit - anders als vielfach angenommen - nicht.

Als starke Ursache erweist sich vielmehr der Wunsch, Problemen mit dem Ruf nach mehr Ordnung und Strafe sowie der Orientierung an einer klaren sozialen Hierarchie zu begegnen. Zudem ist die Wahrnehmung einer Bedrohung durch Zuwanderung und die Ablehnung kultureller Vielfalt relevant. Kommen dazu Gefühle politischer Machtlosigkeit sowie mangelnde Kontakte zu jenen, die gefürchtet werden, steigert sich die Islamfeindlichkeit und drängt zur Diskriminierung: In der Umfrage zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit im Jahr 2003 meinten 41,5 Prozent, der Islam sei rückständig, 17 Prozent votierten zudem dafür, dass Muslime, die in Deutschland für ihre Religion werben, ausgewiesen werden sollten. Im Jahr 2005 befürworteten knapp 15 Prozent, dass Muslimen in Deutschland die Religionsausübung untersagt werden sollte. Im Jahr 2010 meinten schließlich 26 Prozent der Befragten, man solle die Zuwanderung von Muslimen verbieten.

Das Erbe von 9/11

Es ist schwer, das berichtete Misstrauen und die Feindseligkeit auf Terroranschläge zurückzuführen. Die These, dass 9/11 und die nachfolgenden Terroranschläge die Islamfeindlichkeit erzeugt haben, erscheint zwar schlüssig, aber sie ist schwer zu belegen, und sie erklärt nicht die gesamte Islamfeindlichkeit. Stereotype, die Angst in Islamfeindlichkeit überführten, waren schon vorher da.

Das Erbe von 9/11 besteht darin, dass sich Misstrauen und Feindseligkeit gesteigert haben und schwer loszuwerden sind. Es wurde keine hinreichend starke Hürde gegen überzogene Vorurteile etabliert. Die Bedrohung hinterlässt nun noch subtilere Signaturen: So werden derzeit viele islamfeindliche Meinungen als Islamkritik umgedeutet und durch den Verweis auf den Terror unterstrichen. Der norwegische Attentäter Breivik hat durch seine Tat und in seinem modernen Copy-and-Paste-Manifest des Hasses ein Zeichen gesetzt. Jedoch zeigt die Reaktion der norwegischen Gesellschaft, dass der Verlust von Sicherheit nicht immer zu Ohnmacht und Feindseligkeit führen muss. Die Antwort Norwegens war Stärke und Vertrauen. Vertrauen in das, was die Demokratie ausmacht. In der zehnjährigen Geschichte des Terrors nach 9/11 ist es ein hoffnungsvolles Zeichen, wenn eine Demokratie diese Stärke vorführt.

Der Autor ist Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der Universität Bielefeld.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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